Text
Text
Text
Text
Text

The Kraut

Ein Marlene-Dietrich-Abend von Dirk Heidicke

Termine

  • 25.10.2020 16:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 30.10.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 01.11.2020 18:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 15.12.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 16.12.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 17.12.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 31.12.2020 15:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 31.12.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 27.02.2021 19:30 Uhr Putbus
  • 01.04.2021 19:30 Uhr Putbus

Paris, Avenue Montaigne Nr.12. – 1987. Freiwillig gefangen in der eigenen Wohnung und der eigenen Legende plant ein Weltstar seine Beerdigung: Marlene Dietrich. Dabei kramt sie in Kartons und Erinnerungen, u.a. an einen anderen Abend in Paris, der mehr als 40 Jahre zurück liegt. Im September des Jahres 1944 nämlich traf „The Kraut“ im gerade befreiten Paris mit jenem Mann zusammen, von dem sie diesen Spitznamen bekam: Ernest Hemingway. An jenem Abend in der Bar des „Ritz“ erklärt sie dem von ihr liebevoll „Papa“ genannten Dichter, weshalb sie als amerikanischer Soldat auf dem Weg nach Deutschland sei, statt womöglich im Bett Adolf Hitlers zu liegen und den Zweiten Weltkrieg verhindert zu haben. Die Diva sinniert, philosophiert und hadert mit sich. Sie singt ihre großen Erfolge, lässt ihre verflossenen Männer Revue passieren und teilt zahlreiche Seitenhiebe auf ihre Kolleginnen aus. „The Kraut“ ist eine einmalige Zeitreise und zugleich eine musikalische Hommage an die große Marlene Dietrich.

Programmheft online lesen

Programmheft als pdf zum Download

PRESSESTIMME

Endlich wieder Theater!

Von Reinhard Amler

Was für ein Applaus! "Er hörte sich so an, als wäre der Saal knackevoll", schwärmte der Intendant des Theater Vorpommern, Dirk Löschner, nach der ersten Vorstellung der jetzt eröffneten Spielzeit 2021/ 2022. Dabei saßen statt der sonst rund 400 nur etwa 130 Zuschauer im trotzdem ausverkauften Großen Haus des Stralsunder Theaters.

Alle kamen mit gefordertem Mund-Nasen-Schutz, der im Sitzen aber abgelegt werden durfte, desinfizierten sich vorher die Hände und hielten die Mindestabstände ein. Die Freude, dass das Theater nach über viermonatiger Corona-Zwangspause wieder geöffnet hatte, überwog sowohl bei den Premieregästen als auch bei den Theatermachern. "Sie glauben gar nicht, wie froh wir alle sind, dass sie wieder da sind", freute sich der Intendant. Und Claudia Lüftenegger, die als Marlene Dietrich in "The Kraut" gleich die erste Hauptrolle der Saison verkörperte, gab zu, "richtig Muffensausen" gehabt zu haben vor dieser doch etwas ungewohnten Eröffnungsvorstellung.

Ja, sie war außergewöhnlich, denn im Parkett als auch auf den Rängen mussten rund zwei Drittel der Sitze frei bleiben und Claudia Lüftenegger hatte die Aufgabe zusammen mit ihrem Partner, Sebastian Undisz als amerikanischer GI am Klavier, nicht nur eineinhalb Stunden Unterhaltung zu bieten, sondern auch die große Bühne auszufüllen. Aber Hut ab, das gelang beiden super. Dank auch einer perfekten Ausstattung und wunderbaren Kostümen. Für Letztere war Eva Humburg zuständig, die Inszenierung hatte Wolfgang Berthold als freischaffender Regisseur besorgt. Als Dank an alle spendete das Publikum mehrfach auch Zwischenapplaus.

Dabei war der Marlene-Dietrich-Abend "The Kraut" von Dirk Heidecke keineswegs als Eröffnungsstück der neuen Spielzeit am Theater Vorpommern vorgesehen. Er sollte erst im November aufgeführt werden, wie Dramaturg Oliver Lisewski sagte. Aber er passte inhaltlich natürlich gut in diesen Corona-August und war auch, was Abstandsregeln auf der Bühne betraf, einfach umsetzbar. Denn Claudia Lüftenegger und Sebastian Undisz sind auch im wahren Leben ein Paar und durften sich trotz Corona deshalb auch küssen.

In "The Kraut" geht es aber um Isolation. Nämlich die letzten Jahre der Marlene Dietrich, die sie abgeschirmt von aller Welt in ihrer Pariser Wohnung in der Avenue Montaigne Nr.12 verbrachte "Freiwillig gefangen", wie es in der Vorschau des Theaters heißt. Sie kramt dort nicht nur in Kartons, sondern auch in ihren Erinnerungen. Und so fällt ihr auch ein Abend im Pariser "Ritz" ein, bei dem sie auf Ernest Hemingway trifft, der ihr den Spitznamen "The Kraut" verpasste. Er war einer von vielen berühmten Männern, denen sie in ihrem langen Leben begegnete. Allerdings wirkt die Dietrich bei ihrem Handeln schon ein bisschen verwirrt. Sie redet nur noch über Tod und Sterben und plant ihr Staatsbegräbnis. Dazu sollen alle Männer, mit denen sie geschlafen hat, mit roter Nelke kommen, all jene, die es vorgeben, getan zu haben, mit weißer Nelke.

Marlene Dietrich kam 1901in Berlin zur Welt, wurde schon 1930 als femme fatale Lola Lola in "Der Blaue Engel" weltberühmt und nahm 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Während des Zweiten Weltkrieges trat sie vielfach vor US-Soldaten auf und wurde von ihnen gefeiert. In Deutschland hingegen wird sie zwar auch bewundert, aber ebenso abgelehnt.

Denn im Gegensatz zu anderen Künstlerinnen ihrer Zeit, wie Marika Rökk, Zarah Leander oder Pola Negri, die Claudia Lüftenegger in "The Kraut" wunderbar parodiert, ließ sie sich nicht mit den Nazis ein, sondern gab ihnen mehrfach einen Korb. 1936 lehnte sie sogar ein großzügiges Angebot von Goebbels mit freier Regisseur-Wahl und hohen Gagen ab.

Dennoch blieb Marlene Dietrich, die noch heute eine der wenigen deutschen Künstlerinnen ist, die es auch in Hollywood zur Berühmtheit brachten, zeitlebens eine Berlinerin. Mittlerweile gibt es dort auch einen Platz, der nach ihr benannt ist. Kein Wunder also, dass in "The Kraut" viele Urberliner Lieder als buntes Potpourri erklingen. Angefangen von der "Berliner Luft" bis hin zu "Untern Linden". Natürlich neben den Marlene-Klassikern, wie "Ich bin von Kopf bis Fußauf Liebe eingestellt" oder "Lili Marleen".

"The Kraut" ist aber nicht nur unterhaltsam, sondern auch lebendiger Geschichtsunterricht, der viel zum Nachdenken anregt.

Ostseezeitung, 10.08.2020