Text
Text
Text
Text
Text

Woyzeck

von Georg Büchner

Termine

  • 18.12.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • entfällt
  • 09.01.2021 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Kartenbestellung nur an den Theaterkassen
  • 30.01.2021 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald
  • Kartenbestellung nur an den Theaterkassen
  • 26.02.2021 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Kartenbestellung nur an den Theaterkassen
  • 02.03.2021 10:00 Uhr Großes Haus, Greifswald
  • Schulvorstellung
  • 04.03.2021 10:00 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Schulvorstellung
  • 05.03.2021 10:00 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Schulvorstellung

Georg Büchners „Woyzeck“ ist eines der meistgespielten und einflussreichsten Dramen der deutschen Literatur. Das Schicksal des einfachen Mannes Woyzeck, der von seinen Vorgesetzten gequält, von seiner Frau Marie betrogen und in seiner Ausweglosigkeit zum Mörder wird, inspirierte Künstler in allen Genres und berührt Zuschauer seit über 100 Jahren.

Doch der emotionalen Wucht der Geschichte steht eine gesellschaftskritische Dimension zur Seite.  Büchner beschreibt analytisch die Deformation eines Menschen zum animalischen Wesen, weil ihm Besitz, soziale Anerkennung und lebensnotwendiges Geld fehlen. In keinem anderen Land in Europa hat der Unterschied zwischen Arm und Reich so gravierend zugenommen wie in Deutschland. Aufstiegschancen haben sich verringert, Abstiegsrisiken vergrößert. So bleibt Woyzeck auch im 21. Jahrhundert unser Zeitgenosse.

 

Programmheft online lesen

Programmheft als pdf zum Download

Audio-Werkeinführung "Woyzeck"

PRESSESTIMME

Woyzeck – Theater Vorpommern – Reinhard Göber rückt Georg Büchners berühmtes Sozialdrama in die Gegenwart der Mund-Nasen-Schutzverordnungen

Der Joker sticht

von Annemarie Bierstedt

Greifswald, 22. August 2020. "Woyzeck, muss er nicht wieder pissen?" Woyzeck (Mario Gremlich) kniet unterwürfig, hundeähnlich auf dem Boden. Gehetzt isst er Erbsen aus einer riesigen Dose. Löffelt und kaut, stöhnt und erbricht fast. Diagnostizierend, mit einem Urinbecher winkend sitzt erhaben über ihm der emotionslose Doktor (Tobias Bode).

Wer Georg Büchners Dramenfragment von 1836 über den von der Gesellschaft getretenen und gedemütigten Franz Woyzeck kennt, der gegen Entlohnung am medizinischen Erbsenexperiment teilnimmt, um seine Geliebte Marie und das gemeinsame, uneheliche Kind zu unterstützen und später zum Mörder wird, kann die Sprache des Dichters in der Greifswalder Aufführung ausmachen. Handlung und Zeit unterscheiden sich. Anstatt des dreißigjährigen Soldaten aus der Unterschicht im Original zeigt der Oberspielleiter des Theaters Vorpommerns Reinhard Göber einen Anfang Fünfzigjährigen, dessen alternativlose Lage aufgrund seines fortgeschrittenen Alters umso prekärer wird, in der Gegenwart. Für Göber bleibt der Prototyp des abhängigen Menschen im 21. Jahrhundert aktuell.

"Jeder Mensch ist ein Abgrund"

Was passiert mit den Nicht-Privilegierten, mit denen ohne kulturelles und ökonomisches Kapital, mit den neuen Unterklassen in einem Deutschland, dessen soziale Ungleichheit immer größer wird? Der Soziologe Sighard Neckel identifiziert Neid und Wut als kollektive Gefühle, die Ausdruck eines Gestaltwandels sozialer Ungleichheit sind. Und Mario Gremlich kann als Woyzeck sehr wütend sein. "Ich bin ein armer Teufel und hab sonst nichts auf der Welt", schreit er und tobt als Marie ihre Untreue leugnet: "Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht."

Wie (fast) immer bei Göbers Inszenierungen, etwa bei "Weißer Raum" oder "Hedda Gabler", werden die Frauenfiguren stark und emanzipiert dargestellt. Die Filmschauspielerin und Autorin Sabrina Strehl spielt vielschichtig eine selbstbewusste Marie, die sich von Woyzeck nichts sagen lässt und mit Sekt übergossen lieber mit dem Tambourmajor (Hubertus Brandt) Rock'n Roll tanzt als die traditionelle Mutterrolle zu leben. Auch die Männerfiguren sind die typisch Göber'schen. Zwar mimt Brandt einen Klischee-Macho mit zurückgegelten Haaren und mehreren Goldkettchen unter der Offiziersjacke, der "wie ein Mann" saufen kann, ist aber, wenn es zur Sache gehen soll (Marie: "Rühr mich an!") wie gelähmt. Marie ist es auch, die den Doktor verführt.

Die Maske der Knechtschaft

Besonders Gremlich, der schon oft bei Göber gespielt hat, fesselt während der eineinhalb Stunden Spielzeit als sensibler, von den autoritären Machtstrukturen ausgenutzter und doch energischer Woyzeck. Die Mund-Nasen-Bedeckung, die er als einziger trägt, wird in Zeiten von Pandemie-Skepsis zum Zeichen seiner Knechtschaft.

Strehl singt fabelhaft mit klarer Stimme "In the cold, cold night" von den White Stripes und wird von Bode auf dem Klavier begleitet. Göber übernimmt Büchners Sprache, verdichtet aber die Figuren zu fünf Darstellenden, indem Brandt den Tambourmajor und den Hauptmann und Niklas Krajewski als Transvestit im Glitzerkleid Andres und Margret spielen. Stefan Heynes zeitgenössisches Bühnenbild besteht aus einem einzigen Raum, den eine überdimensionierte Bar, Zivilisationsmüll, eine goldene Disco-Kugel und zu viele Vintage-Möbelstücke als Symbole der Konsumgesellschaft bebildern.

Raus aus diesem Milieu

Im rhythmischen Gitarrensolo spitzt sich der Konflikt der neu zusammengewürfelten Szenen zu, als Woyzeck sich ein Joker-Clowns-Gesicht schminkt, um Marie zu erstechen. Mordmotiv ist neben der eigenen Befreiung aus den herrschenden Machtstrukturen aber nicht Eifersucht, sondern das Bestreben Maries, dem Milieu zu entfliehen und sich zu emanzipieren.

Die geschlossene Gesellschaft spiegelt sich auch in Sascha Löschners geschlossener Dramaturgie wider: In der Anfangs- und Endszene schauen die Figuren fasziniert den Liebesfilm "Leaving Las Vegas". Eine Anspielung auf die mediale Realitätsflucht, die gestiegene soziale Vereinsamung während des Lockdowns oder das menschliche Grundmotiv nach Liebe?

Anfangs von der Fernseh-Family ausgeschlossen, gehört der zum Mörder gewordene Woyzeck nun nach dem Motto "ein Kollektiv basiert auf kollektiven Erfahrungen" dazu, indem er eine Melone mit den anderen teilt. "Was gafft ihr? Guckt euch selbst an!" Die Schuldfrage wird relativiert, moralischer Nihilismus macht sich breit. Dieser Woyzeck stellt hochaktuelle Fragen und wird von den Zuschauenden bis zuletzt gebannt verfolgt.

 

nachtkritik, 23.8.2020