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Weißer Raum

von Lars Werner

Termine

„Früher war alles besser“ – weil Deutschland von Ausländern, Migranten und Flüchtlingen „rein“ war? Einige, vielleicht sogar nicht wenige, denken so. Lars Werner greift Meinungen wie diese in seinem mit dem Kleist-Förderpreis-2018 ausgezeichneten Theaterstück „Weißer Raum“ auf: Eine Frau ruft um Hilfe. Man wird nie erfahren, was wirklich in dieser Nacht auf dem Bahnsteig geschah – zwischen einem Geflüchteten und Marie, der Journalistin, die er bedrängte. Man wird den Fremden nicht mehr fragen können, denn Uli, der Gleiswärter, der Marie zu Hilfe kommt, schlägt ihn tot. Ein Unfall, Notwehr oder Absicht?

Der hochaktuelle Text von Lars Werner ist ein Vexierspiel mit der Wirklichkeit, die sich an der Oberfläche oft ganz anders darstellt, als sie ist. Das Stück erlebt am Theater Vorpommern seine zweite Inszenierung nach der Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen im vergangenen Jahr.

PRESSESTIMME

Ich bin die Bewegung!

Weißer Raum – Reinhard Göber inszeniert am Theater Vorpommern Lars Werners Kleist-Förderpreisgekröntes Stück zum Rechtspopulismus

Verstörend, wenn die Fassade brökelt. Leere dort, wo nichts mehr zum Festhalten bleibt. Stefan Heyne leistet mit seinem Bühnenbild der Regieanweisung von Lars Werners "Weißer Raum" wortwörtlich Folge. Alles ist weiß. Ein weißes Chaos. Eine archäologische Müllhalde. Weiße Stühle stapeln sich auf weißen Tischen zwischen weißen Schränken. Vor einer weißen Badewanne ruht ein weißer Autoreifen. Daneben ein weißer Weihnachtsbaum.

Bunte Schlaglichter

Die Farbe weiß symbolisiert das Nichts und damit Unverbindlichkeit und Unsicherheit. Sie wird aber auch anders assoziiert. Von rechts wird gefordert, dass alles "Multikulti", alles Fremde sich assimilieren, gefälligst verschwinden, weiß werden soll. In der Kunstwelt dient weiß als bevorzugtes Display, das das Dargestellte erhöht, um es genauestens auf seine Details zu durchleuchten. […]

Misstrauen gegen den Helden

Im Zentrum steht der Gleiswärter Uli aus Lampertswalde bei Dresden, der die Journalistin Marie vor einer Vergewaltigung rettet, indem er den nordafrikanischen Täter totschlägt. Von Vielen als Held gefeiert, traut Marie seinem Rettungsmotiv nicht. Sie recherchiert, knapst an ihrem Opfer-Stigma und versucht Uli für einen Artikel über Rechtsextremismus zu benutzen, um ihre Journalistenkarriere voranzutreiben. Ulis Sohn Patrick, der wegen eines Angriffs auf einen Araber im Knast sitzt, versucht derweil seine rechtsradikale "Bewegung" voranzubringen.

Vor dem Zuschauer entspannt sich ein Psychogramm unterschiedlicher, sich ineinander verstrickender Ambivalenzen. Ein Haufen schuldiger Unschuldiger. Dabei gelingt es Werner, sich jeder Bewertung zu enthalten. Frei nach dem Motto, die Wirklichkeit ist ein Vexierspiel, hat er seine Beobachtungen aufgezeichnet. Denn nach eigener Aussage hat der 1988 in Dresden Geborene als aktives Mitglied der linken Szene in einer sächsischen Kleinstadt einiges miterlebt und in dem Stück verarbeitet.

Göber schafft es, diese nicht wertende Haltung (fast) während der gesamten Spielzeit von gut eineinhalb Stunden beizubehalten. Wie geplant, fungiert die Bühne als Plattform, auf der sich die verschiedenen Positionen gegeneinander ausspielen. Wie authentisch, ja fast leidenschaftlich die acht Schauspieler die unterschiedlichen Figuren verkörpern! Ob dies auch daran liegen könnte, dass das Stück im Osten spielt und im Osten aufgeführt wird, bleibt dahingestellt. Mario Gremlich nimmt man die Figur des anständigen, doch nur für Recht und Ordnung in "unserem Deutschland sich sorgenden" Gleiswärters Uli ab, ohne dass dies klischeemäßig oder überheblich wirkt.

Politischer Diskurs

Tobias Bode spielt authentisch den cholerisch-aggressiven Provinz-Nazi, der mit rassistischen Schlagworten wie "Schoki" oder "Bimbo" um sich wirft. Er warnt vor Überfremdung in Form von Werbeplakaten auf arabisch und brüllt: "Ich bin die Bewegung!" Vor allem auch Maria Steurich begeistert als linksliberale Journalistin Marie. Treffend wechselt sie zwischen ihrer professionellen Journalistenidentität und der puren Verzweiflung angesichts der Instrumentalisierungen im politischen Diskurs. "Warum schreiben wir nicht, dass es ein rechtes Problem gibt, dass rechts nicht mehr nur der Rand, sondern längst die die Mitte ist?" [...]

Annemarie Bierstedt, nachtkritik

Gefangen in der ideologischen Blase

Die Bühne von Stefan Heyne liegt da wie eine Eiswüste, in der sich Schollen aufeinandergeschoben haben: ganz weiß. Unbefleckt? Nein, eher tödlich, so wie in Georg Trakls „Psalm“, wo es heißt: „Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben.“ Autoreifen, ein vergessener Weihnachtsbaum, Büroreste und eine Art Hochsitz: alles erscheint wie in einen weißen Schutzanzug gesteckt. Die Szenerie wirkt aber nicht nur sehr kalt, sondern auch sehr gefährlich.

Weiß, das ist die Farbe des Todes oder, wie der Autor Lars Werner (geboren 1988) sagt, der offenbar an Grafikdesign denkt: „Zwischen zwei geschriebenen Zeilen ergibt sich durch den Weißraum eine optische Grenze.“ Werner hat mit seinem Stück, für das er 2018 den Kleist-Förderpreis erhielt, ein Experiment unternommen. Er untersucht die unsichtbaren Grenzen, die uns trennen, nicht mehr nur Ost und West oder Junge und Alte, auch jene, die sich äußerlich gesehen gleichen. Aber sie sind eben doch verschieden. Und das ist immer wieder auch eine schmerzhafte Erfahrung.

Eine Frau wird am verlassenen Provinzbahnhof überfallen. Sie ruft laut um Hilfe. Versuchte der Marokkaner Munir Bounou sie zu vergewaltigen? Man wird es nicht erfahren, denn Uli, der Gleiswärter (Mario Gremlich), ist der Frau zu Hilfe geeilt. Er schlägt so stark auf den Angreifer ein, dass dieser stirbt. Ist Uli ein Held, der die Frau vor einer Vergewaltigung rettete, oder hat er eher den Anlass gesucht, mal an einem der ihm verhassten Araber all seine Aggressionen auszulassen? Wollte er ihn am Ende gar töten? Die angegriffene Frau ist Journalistin (Maria Steurich), sie geht der Sache mit unheimlich wirkendem Eifer nach.

Werner breitet ein Figurenpanorama der ostdeutschen Provinz aus. Aufsteiger und Absteiger, vom Aufschwung schlicht Vergessene, die mit ihrem Schicksal hadern, ohne dabei je ihre Selbstgerechtigkeit aufzugeben. Schuld haben an allem immer die anderen. Konfrontation, Militanz, das ewige Entweder-oder bestimmen hier die Szenerie. Was wächst da? Nichts Gutes. Kein Wunder, dass den Autor die Frage umtreibt: „Für wen arbeitest du?“ Das scheint mehr eine Unterstellung als eine Frage, auf die noch in der DDR Sozialisierte allergisch reagieren – steht denn immer einer hinter mir, der mich lenkt, glaubt denn keiner, dass ich mich durchaus selbst lenken kann?

Doch die Generation der heute Dreißigjährigen hat andere prägende Erfahrungen gemacht, solche wie den NSU-Prozess, wo keiner der ist, der zu sein er vorgibt. „Weißer Raum“ hat darum auch mit den weißen Flecken in unserer Selbstwahrnehmung zu tun. Einiges erscheint überscharf, anderes verschwimmt, einiges wird sogar ganz ausgeblendet. Das ist eine Realität im Übergang, in dem keiner weiß, wohin. Doch gibt es ein neues radikales Bedürfnis nach Klarheit: Marie, die Journalistin, wehrt sich vehement dagegen, einer wie Uli könnte sie „gerettet“ haben. „Macht mich nicht zum Opfer!“, schreit sie. Sie könne sich sehr gut selbst verteidigen, brauche keine selbsternannten Beschützer. Auch sie radikalisiert sich, scheint nur noch auf ein Thema fixiert: zu beweisen, dass Uli den Marokkaner aus Fremdenhass tötete. Sie schreibt darüber jetzt nicht mehr nur für die Provinzpresse: „Das ist deine überregionale Karrierechance!“, sagt ihr ein Journalistenkollege.

Regisseur Reinhard Göber hat den Text von Lars Werner, in dem ein großes Unbehagen gärt, als eine Art Sturm und Drang von heute verstanden. Über die einzelnen Inhalte kann man streiten, unstrittig ist der Wille, die Decke der Lügen, die über allem liegt, endlich fortzureißen.

Zum Personal des „Weißen Raums“ gehört auch Patrick (stark im Ungeschliffenen: Tobias Bode), der Sohn von Uli, dem Gleiswärter. Patrick ist ein verurteilter Neonazi, auch er rebelliert auf seine Weise gegen die herrschende Verlogenheit. Die einzige Sprache, die Wirkung zeigt, ist für ihn die Gewalt. Aus dem Gefängnis heraus plant er Aktionen, lässt seinen Vater Uli an seiner Stelle Reden halten, die er ihm schreibt.

Es gibt in diesem Stück Handlungsstränge und Motive, die sehr konstruiert wirken und auch nicht immer überzeugend verknüpft sind. Etwa wenn eine Bewährungs-helferin Patrick zugleich erpresserische Angebote eines Geheimdienstes offeriert oder eine Pfarrerin am Grab von Munir Bounou ihre Sympathie für Ulis verquast-nationalistische Rhetorik zeigt (in beiden Rollen: Susanne Kreckel). Da schwingt dann selbst Verschwörungstheorie mit.

Überzeugend an diesem intensiv gespielten Abend aber ist die Botschaft, den in sich eingesponnenen Selbstbildern aller hier Beteiligten nicht zu glauben. Alle scheinen hier etwas, was sie nicht sind. Alle zeigen immer nur auf andere. Keiner existiert jenseits der ideologischen Blase: Die Entfremdung, so der Befund, beschädigt alle.

Gunnar Decker, Theater der Zeit

Fragespiel am Gefrierpunkt

Aus der Zeitgeistforschung: »Weißer Raum« von Lars Werner am Theater Vorpommern

Vom Glück heißt es, es schreibe weiß. Denn Glück kann man so wenig lesen wie Zukunft. Auch der Tod liebt das Weiß, dieses blendende Nichts - war es etwa dieser Zyniker, der ausgerechnet seinen Feinden, den Ärzten, weiße Kittel überzog? Asep­sis und Unschuld - Weiß-Assoziationen besitzen ihre ganz eigene Weite. »Weißer Raum« heißt das Stück von Lars Werner, von Reinhard Göber am Theater Vorpommern inszeniert.

Der Bühnenraum, von Stefan Heyne gestaltet, besteht aus einer Ruinenlandschaft des profan Bürgerlichen: Autoreifen, Badewanne, Weihnachtsbaum, Schreibtisch, Stühle, Schrankteile - eine aufgelöste, ineinandergestürzte Welt des gewöhnlichen Haushalts. Die Requisiten überzogen von einem kalten Weiß, hier ist ein Gefrierpunkt überschritten. Weißglut der Froststarre?

Uli, ein Gleiswärter aus der Provinz, erschlägt einen Marokkaner, der eine Journalistin vergewaltigen wollte. Zivilcourage? Oder Ausländerhass, der endlich eine Gelegenheit bekam, loszudreschen? Was überhaupt ist wahr, was gezielte Irreführung? Marie, die Journalistin, geht den möglichen Motiven nach. Aufklärungsinteresse plus Eigennutz: Recherche in Sachen Rechtsextre­mismus ist ein karriereförderndes Top-Thema - »Nazis gehen immer.« Zumal Ulis Sohn wegen Körperverletzung im Gefängnis sitzt; er attackierte einen Araber und träumt tumb von einer aktiven deutschnationalen »Bewegung«.

Obwohl Werners Text in Teilen ungelenk wirkt, betont profan, ein wenig scheppernd hier und da, so bedrängt er doch durch Trauer: darüber, dass der Mensch den überwiegenden Teil seines Lebens offenbar fern seiner eigenen Mitte lebt, in unbewusster Entzweiung, geschüttelt von ideologischen Zwecken, die in ihn eindringen. Ordnung ins Dasein bringen? Unheilvolle Praxis, bei der kein Frieden entsteht, sondern nur wieder Gewalt und Geltungsdruck, Ausblendung und Anmaßung.

Was am Stück des 1988 in Dresden geborenen Autors überrascht und mitnimmt, ist der zurechtweisungsfreie Ton, ein Ton der bloßen Feststellung, und so ergibt sich selbst aus den Argumenten derer, die Extreme und Radikale mutig bekämpfen, kein letzter rettender Grund, auf dem sich eine Gesellschaft verlässlich gründen ließe. Die Pein der Lage: An allem, was geschieht, ist immer auch derjenige mitschuldig, der gegen die Verhältnisse kämpft - denn jeder hat Ellenbogen, und jeder hat ein anfälliges Ego. Nur der, dem man dieses Eingeständnis ansieht, wird politisch ein Überzeugender sein. Stark, wie auf der Bühne regelrecht gekämpft wird: gegen die Dummheit, gegen die Grobheit, gegen den Hass, aber in gleichem Maße gegen Klischees, gegen Schwarz-Weiß, gegen die Vereinfachung.

Das achtköpfige Ensemble rotiert gewissermaßen auf gefrorenem Boden. Lauernd, gegeneinander rennend, Nähe suchend, pegidagiftigen Schlagwortpfeilen ausweichend. Alle drehen aufgebracht am Lautstärkepegel. Was ist populistisch? Ist po­pulistisch schon rechts? Was »darf« man sagen, was nicht? Das Psychen-Panorama der Aufführung arbeitet präzis und bohrend am Porträt des Zweifels: Glaub niemandem mehr im Clinch der Gesinnungen, jeder öffentliche politische Mensch lügt, mitunter auch auf subjektiv ehrliche Weise. Denn: Ein Jeder in jeder Parteiung sagt draußen weit weniger die Wahrheit, als er im Selbstgespräch zugäbe. Allüberall vollendete Dialektiker: Es gibt zwei Ansichten, unsere und die falsche der Anderen.

Mario Gremlich als Gleiswärter: der zäh Besorgte, der ruhelose Heimathüter, der ambivalente Nationalgeist, stark rechtsdrehend, aber dies alles in überzeugende schauspielerische Balance gebettet. Glaubwürdigkeit als Schlüsselwort, auch beim rüden, bellenden Kaff-Nazi, den Tobias Bode gibt, und dem das Wort »Bewegung« von den Lippen springt wie ein geöffnetes Messer. Maria Steurich ist die Journalistin zwischen jagender Witterungsgabe fürs Mediale und tiefer Verzweiflung über die politische Verdrängung - dass der Fingerzeig auf Rechts nämlich längst unmittelbar in die Mitte zeigen müsste.

Theater als Zeitgeistforschung. Zu welchem Lager zählst du dich? Kleinbürger oder Weltbürger? Heimatsüchtling oder Internationalist? In der Frage meist schon eine Verdächtigung. Der Zeitgeist ist ja niemals identisch mit Meinung. Stammt die Meinung bestenfalls noch aus einer Erfahrung, so stammt der Zeitgeist nur noch aus Meinungen. Und jede dieser Meinungen, die sich zum Zeitgeist klumpen, musste eines erfüllen: Sie musste einmal recht haben. So könnte man sagen: Der Zeitgeist ist die Superstruktur des Rechthabens.

Wessen Meinung zeitgeisttauglich sein will, der muss beim Formulieren seiner Meinung ins Öffentliche hinein alles weglassen, was dieser Meinung widerspräche. Es sind schon wieder erstaunlich viele, die das beherrschen. Sie äußern sich reflexhaft frontal, sie erbten die Sensoren der Zensoren, sie sortieren aus, sie verachten das Liberale, sie fragen scharf: Wer - wen?

Der große Literaturwissenschaftler George Steiner schrieb: »Vom wirklich links Denkenden möchte man verlangen können, auch das zu sagen, was dem, was er glaubt, sagen zu müssen, ganz logisch widersprechen könnte.« Was denn, sich selber freiwillig in die eigenen Gewissheitsparolen fallen?

Das ist Werners Thema! Sein Stück, ausgezeichnet mit dem Kleist-Förderpreis, hat es schwer am Theater Vorpommern. Nur spröde der Zuspruch. Ein Zeichen seiner aufstörenden, sperrigen Qualität. Aber es wird seinen Weg auch auf andere Bühnen gehen: Der Stoff treibt, peinigt, und der Autor wehrt sich mit seinem Text gegen den Reflex des schnellen Einverständnisses, wie er von politischen Akklamationen ausgeht.

Dies Stück gegen Fremdenhass spielt in Sachsen, in Gröbers (sic!) Greifswalder (und Stralsunder) Aufführung rauscht das Meer. Das Mittelmeer? Wo Flüchtlinge auf Wellen des Mitleids hoffen müssen? Auch weiße Strände sind ein weißer Raum, und wieder dreht sich das Karussell der Assoziationen: Schwimmwesten klagen unsere weißen Westen an, dies trügerische Deckweiß, das die blinden Flecken unseres Gewissens doch nicht übertüncht. Auf der Bühne, über einem der weißen Wohnwelttrümmer, hängt eine schwarzrotgoldene Fahne. Inmitten der Kälte sieht das schön, ja belebend aus. Aus solchen Zumutungen besteht die Wahrheit der Welt.

Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland