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Humankapital (Uraufführung)

Eine Stückentwicklung zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Termine

  • 17.10.2020 18:00 Uhr Werkraum/Hinterbühne, Greifswald Karten kaufen
  • 30.10.2020 19:30 Uhr Werkraum/Hinterbühne, Stralsund Karten kaufen
  • 07.11.2020 18:00 Uhr Werkraum/Hinterbühne, Stralsund Karten kaufen
  • 15.11.2020 18:30 Uhr Werkraum/Hinterbühne, Greifswald Karten kaufen

Eine der wenigen konkreten Zukunftsvisionen für unser Gemeinwesen ist die Forderung nach einer Bürgergeldzahlung ohne Ansehen der Person. Das sorgt nicht erst seit Corona für heiße Diskussionen. Dabei ist das bedingungslose Grundeinkommen eine Idee, der sogar von vielen Wirtschaftsexperten vernünftige Ansätze bescheinigt werden. In einer Welt, die sich mit der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich und einer damit verbundenen Ungleichheit der Chancen konfrontiert sieht, spielen wir Voraussetzungen und Folgen eines Egalitätsprinzips auf der Bühne durch, das es auf diese Weise noch nicht – oder nur versuchshalber – gegeben hat. Angesichts düsterer Zukunftsperspektiven ist lustvolles Laborieren mit utopischen Gedanken ein Ausdruck von Freiheit.

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PRESSESTIMME

„Stell dir vor, es ist Kapitalismus und keiner geht hin“

von Annemarie Bierstedt

Melina von Gagerns Stückentwicklung zum bedingungslosen Grundeinkommen feiert vollen Erfolg im Theater Stralsund.

Stralsund/Greifswald. Sozialrevolutionäre Utopiegedanken von einem „Wir“ in Plastik-Schutzanzügen treffen auf eine animalische Personifikation der Angst und überall Zuckerwatte. Sie tropft von oben herunter, sie klebt auf dem Boden. In etwa 80 Minuten diskutiert „Humankapital“ literarisch, experimentell und so klug die Voraussetzungen und Folgen des bedingungslosen Grundeinkommens.

Am Samstagabend feierte das Theaterstück nach der Uraufführung in Greifswald nun im Stralsunder Theater seine Premiere. Die durch die Corona-Pandemie befeuerte Aktualität der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen veranlasste das Theater Vorpommern, das ursprünglich für März 2021 geplante Stück vorzuverlegen. Basis der Stückentwicklung der freischaffenden Regisseurin Melina von Gagern sind 18 Autorentexte, die ihr bedingungslos und ohne finanzielle Entschädigung zur Verfügung gestellt wurden. In Diskussionen, Versuch und Irrtum mit den vier Darstellenden und dem Dramaturgen Oliver Lisewski entstanden, bündelt von Gagerns Inszenierung die Multiperspektivität verschiedener weltanschaulicher und parteipolitischer Überzeugungen und Visionen in einem Für und Wider. Würde das Grundeinkommen Freiheit und Selbstbestimmtheit oder Faulheit fördern? Würde es mehr Gerechtigkeit oder weiter den Wohlstand einiger Weniger begünstigen?

Die Regisseurin erzählt: „Das Konkrete wurde immer unwichtiger, das Denken neuer Gedanken, das Zulassen und Probieren immer wichtiger“. Insofern ist die Stückentwicklung auch ein psychologisches Experiment. Theresa Scheitzenhammers Bühnenbild stellt eine Fabrik- und Jahrmarktszene mit Zuckerwattemaschine als Symbol einer arbeitsamen Konsumgesellschaft dar, auf dem sich die vier Darstellenden ironisch-satirisch und sehr gesellschaftskritisch abarbeiten. „Stell dir vor, es ist Kapitalismus und keiner geht hin“ ist einer dieser sich einprägenden Sätze.

Wo Systeme durch dysfunktionale Muster zusammengehalten werden, wird jede Veränderung als Bedrohung der Stabilität empfunden. Dementsprechend spielt Jan Bernhardt als Angst-Tier schalkhaft, wechselnd mit Löwen- oder Dinokopf und Leggins in Schlangenoptik mit den gesellschaftlichen Ängsten. Christiane Waaks Beatboxing und ihr auf der Ukulele begleiteter Gesang „Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld“ lassen die Zuschauer genau wie Ronny Winters marionettenähnlicher Tanz applaudieren.

Mit durchdringender Sopranstimme singt Feline Zimmermann als personifiziertes Grundeinkommen in der Schlussszene „Ich bin ein Vehikel“. Nicht zuletzt als Hymne, neu zu denken und zu handeln, ist das Stück absolut sehenswert.

Ostseezeitung, 14.9.2020