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Angst - Der Feind in meinem Haus (Uraufführung)

von Dirk Kurbjuweit in einer Bühnenfassung von Sascha Löschner

Termine

  • 10.01.2021 18:00 Uhr Rubenowsaal (Stadthalle), Greifswald
  • Kartenbestellung nur an den Theaterkassen
  • 31.01.2021 18:00 Uhr Gustav-Adolf-Saal (Jakobikirche), Stralsund
  • Kartenbestellung nur an den Theaterkassen
  • 26.02.2021 20:00 Uhr Rubenowsaal (Stadthalle), Greifswald
  • Kartenbestellung nur an den Theaterkassen

Das saturierte Leben von Randolph Tiefenthaler scheint mit dem Kauf der schönen Berliner Altbauwohnung seine Erfüllung zu finden. Der Architekt und seine Familie ahnen nichts Böses, als der schrullige Herr Tiberius ihnen Kuchen vor die Tür stellt. Doch bald wird der Nachbar aus dem Souterrain unheimlich. Er beobachtet Tiefenthalers Frau, schreibt erst verliebte, dann verleumderische Briefe, erstattet sogar Anzeige. Die Ehe stürzt in eine Krise, das bloße Dasein des Nachbarn vergiftet den Alltag. Tiefenthaler vertraut lange auf den Rechtsstaat, der aber zeigt sich hilflos gegenüber dem Stalker. Nun bringt die unerträgliche Situation Randolph Tiefenthaler auf einen entsetzlichen Gedanken ...

Dirk Kurbjuweit schildert mit beklemmender Spannung, wie Ohnmacht eine Familie zur Selbstjustiz treibt. „Angst“ ist das Psychogramm einer Gewalttat, die Geschichte einer extremen, in ihrer Sprachlosigkeit berührenden Vater-Sohn-Beziehung – und ein erzählerisches Experiment, das die dünne Haut unserer bürgerlichen Zivilisation einer Zerreißprobe aussetzt.

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PRESSESTIMME

Familie greift zur Selbstjustiz, weil der Rechtsstaat versagt

Von Reinhard Amler

Auch unter Corona-Bedingungen ist spannendes Schauspiel möglich. Das bewies das Theater Vorpommern auch am Mittwochabend mit seiner neuesten Stralsunder Premiere.

Das Ein-Personen-Stück „Angst“ von Dirk Kurbjuweit stand auf dem Spielplan im Gustav-Adolf-Saal. Und Ronny Winter gelang es auf bewundernswerte Weise, die Angst, mit der eine Berliner Familie bis zur Ohnmacht kämpft, beeindruckend aufs Publikum zu übertragen, so dass es am Ende auch mitfühlen konnte. Es geht um Stalking in einer sehr aggressiven Form.

Der Architekt Randolph Tiefenthaler ahnt nichts Schlimmes, als er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Hochparterre eines Berliner Gründerzeitbaus seine vermeintliche Traumwohnung bezieht. Mit hohen Zimmern, Stuck an den Decken und Garten am Haus scheint die Idylle perfekt. Doch sie trügt, denn im Souterrain wohnt Dieter Tiberius. Ein Mann um die Vierzig, der offenbar keiner geregelten Arbeit nachgeht und daher fast immer zuhause ist. Dieser Mann wird für die Familie zunehmend zum Alptraum. Es fängt relativ harmlos an, indem er Kuchen vor die Tür stellt und gute Nachbarschaft wünscht. Doch als Frau Tiefenthaler eines Tages Wäsche im Garten aufhängt und dabei auch ihre Slips festklammert, macht er sehr anzügliche Äußerungen. Und es bleibt nicht dabei. Denn es folgen Liebesbriefe und eines Tages sogar der Vorwurf, Tiefenthaler und seine Frau würden ihre Kinder sexuell missbrauchen. Der Mann erstattet Anzeige und ruft die Polizei. Und diese kommt auch, weil sie bei solch einem schweren Vorwurf kommen muss.

Verzweifelt sucht Tiefenthaler nach Hilfe. Immer im Vertrauen auf den Rechtsstaat. Doch seine inzwischen eingeschaltete Anwältin hebt nur beschwörend die Hände und sagt, dass es kein Mittel gibt, Tiberius beizukommen, geschweige denn, ihn aus seiner Wohnung zu vertreiben. Beim Jugendamt heißt es, dass gegen Herrn Tiberius nichts vorliege. Folglich könne man auch nichts unternehmen. Die Angst treibt den Architekten ans Ende. Seine Ehe stürzt in die Krise. Er greift zum Alkohol. Und dann wird es tragisch, weil Tiefenthalers Vater den Stalker erschießt. Aus 1,5 Meter Entfernung trifft die Pistolenkugel genau dessen Kopf. Der brave Bürger wird zum Barbaren, weil der Rechtsstaat versagt, beschreibt der Autor Dirk Kurbjuweit diese Szenerie. Die Familie als Bindeglied zwischen den Menschen hält aber zusammen.

Der 57-Jährige Schriftsteller und Journalist schrieb seinen Roman „Angst“ 2013. Vier Jahre später wurde er auch erfolgreich verfilmt. Der Chefdramaturg des Theaters Vorpommern, Sascha Löschner, hat aus dieser Vorlage eine Bühnenfassung erarbeitet, die jetzt als Uraufführung zu erleben ist. Vergangene Woche konnte Löschner Dirk Kurjuweit auch zu einer Aufführung in Greifswald begrüßen. Der zeigte sich beeindruckt. Vor allem natürlich von Ronny Winter, der – coronabedingt – zehn im Stück auftretende Personen ganz allein spielt. Unterstützt wird er durch Videoeinblendungen, in denen auch seine Schauspielkollegen Kathleen Friedrich, Stefan Hufschmidt und Niklas Krajewski zu sehen sind.

Das Bühnenbild, das aus zum großen Rechteck zusammengestellten Tischen besteht, hat Eva Humburg besorgt. Die Tische sind weiß bespannt. Darauf zu erkennen: aufgemalte Strichmännchen, die die Familie und deren Verzweiflung darstellen sollen sowie viele zum Stück passende Begriffe, wie Justiz, Anklage, Rechtsstaat und natürlich das Wort Angst.

Ostseezeitung, 09.10.2020