Lesung zum Tag der Deutschen Einheit

Dörte Grimm und Sabine Michel lesen aus ihrem Buch "Die anderen Leben. Generationengespräche Ost"

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Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, pünktlich zum Einheitsjubiläum erscheint das Buch „Die anderen Leben“, in dem Eltern und „Kinder“ (geb. ab 1970) ostdeutscher Herkunft erstmals die konfrontative Auseinandersetzung im Generationendialog wagen. Sie trauen sich an private Themen ihrer Leben in der DDR heran, sie reflektieren offen und schonungslos ihre Lebenswelten seit dem Mauerfall und positionieren sich zu aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland.

 

Interview mit Sabine Michel (Auszug) SZ vom 3.9.2020

Sabine Michel, jahrzehntelang wurde diagnostiziert, dass Ost- und Westdeutsche mehr miteinander reden müssten, um sich gegenseitig besser zu verstehen. Jetzt sagen immer mehr vor allem jüngere Ostdeutsche: Auch die verschiedenen Generationen im Osten haben untereinander arge Verständnisprobleme. Woran liegt das?

Weil es 30 Jahre lang im Osten kaum einen wirklichen Generationendialog gegeben hat. Das hat Gründe. Nach der kurzen Phase der großen Euphorie von 1989 und 1990 setzte hier ganz schnell eine Phase großer existenzieller Probleme ein, um die man sich in den Familien dringend kümmern musste: Systemwandel, Arbeitslosigkeit, Geburtenknick, das Wegbrechen alter Gewissheiten, viele Trennungen – Corona ist da nichts dagegen. Damit waren viele Ostdeutsche extrem beschäftigt. Sie hatten gar keine Zeit dafür, ihr Leben in der DDR selber tiefgründig zu reflektieren und dann mit ihren Kindern darüber und über ihre Prägungen und Erfahrungen zu reden.

Aber diese Phase dauert ja nicht ewig, für viele Menschen hat sich das Leben irgendwann wieder beruhigt…

Stimmt, nur: Als sich viele Menschen wieder eine gewisse Sicherheit und existenzielle Stabilität erkämpft hatten, war der Diskurs über Ostdeutschland eigentlich schon durch und die Deutung vor allem westdeutsch geprägt. Eine Aufarbeitung von innen hatte nicht stattgefunden. Außerdem war die Debatte lange dominiert von Themen wie Opfer, Täter, Stasi. Stichwort: Der Film „Das Leben der Anderen“ wird bis heute im Schulkino als Anschauung über das Leben in der DDR eingesetzt. Das ging über die Köpfe vieler Ostdeutscher hinweg. So weit, dass sie sich davon gar nicht mehr gemeint gefühlt haben.

Denken Sie, dass viele Ostdeutsche sich vom „Ossi“-Klischee befreien wollten, indem sie die Ossi-Wessi-Unterschiede kleinredeten oder gar leugneten?

Absolut. Und wie es scheint, fängt der Generationendialog gerade erst an, 30 Jahre nach der Wende. Das war bei uns in der Familie nicht anders, und ich bin Jahrgang 1971, ich habe in der DDR ja noch das letzte Ost-Abitur gemacht. Da bin ich schon aus der Familie rausgegangen und habe wie viele andere meines Alters meinen Weg alleine finden müssen. Die etwas Jüngeren, also die Dritte Generation Ost der ab 1975Geborenen, haben diese ganzen Kämpfe, die Verteidigungen der Biografien und der Leben ihrer Eltern in der DDR täglich in ihren Familien mitbekommen, als sie noch klein waren. Da stellt man keine kritischen Fragen, da will man seine Eltern schützen. (...)

Eine Ihrer Gesprächspartnerinnen, sie ist so alt wie Sie, sagt den Satz: „Für mich liegt die Zeit der DDR wie unter Glas. Ich schaue darauf, ich sehe mich auch, aber ich komme nicht ran“ …

Das ist die Folge dieses Schweigens: Gespräche über diese Zeit in der Familie sind der kleinste Baustein einer gesellschaftlichen Debatte. Dieser elementare Baustein kann nicht gesetzt werden, wenn Eltern sich durch Fragen ihrer Kinder in eine Verteidigungshaltung gedrängt fühlen, und die Kinder, wenn sie das spüren, dann Hemmungen bekommen, überhaupt Fragen zu stellen. So funktioniert Verdrängung. (...)

Das Gespräch führte Oliver Reinhard

PRESSESTIMME

Ostdeutsche Familiengespräche: Born in the GDR

von Anja Maier

Für ihr Buch „Die anderen Leben“ haben die Autorinnen ostdeutsche Familiengespräche aufgezeichnet. Es geht um Erfahrungen und Brüche im Leben. Dreißig Jahre ist das nun her, das historische Ereignis namens Wiedervereinigung, das bei genauerem Hinsehen eher in eine Richtung verlief: Die Ostdeutschen haben sich den westdeutschen Standards angepasst. Sie haben gesucht und getastet, haben gute und falsche Entscheidungen getroffen. Sehr oft waren sie nicht in der Position, überhaupt welche treffen zu können – es gab da dieses neue, alte Land, das seine eigenen Regeln hatte. Wer mitmachen wollte, hielt sich besser an die Gepflogenheiten. Wer meinte, es auf seine und ihre Weise versuchen zu wollen, wurde sehr wahrscheinlich zum Wendeverlierer. Was für ein Wort. Ein anderes Wort, das dieser Tage gern im Munde geführt wird, lautet Umbrüche. Es versucht zu fassen, was sich konkret vollzogen hat in den Leben jener, die Born in the GDR sind. Im politischen Raum wird ja gern Respekt eingefordert für diese Umbrüche. Aber was meint das eigentlich? Die beiden Regisseurinnen Dörte Grimm und Sabine Michel dringen mit ihren „Generationengesprächen Ost“ weit vor in die familiären Weißräume. Denn dort, in den Erinnerungsschächten, ist ja alles abgelagert. In ihrem Sammelband „Die anderen Leben“ sprechen DDR-sozialisierte Eltern und ihre Kinder miteinander über diese Erfahrungen. Tatsächlich wird über diese Jahre vor und nach der Wende (noch so ein Wort) wenig geredet in den Familien. Die ostsozialisierten Kinder meinen, es habe doch alles einigermaßen geklappt. Keiner ist zu Schaden gekommen, alle haben ihren Platz gefunden. Viele Eltern beschweigen lieber ihre Erfahrungen. Zum einen, weil sie es satt haben, sich für ihre Ideen, ihre Irrtümer und Hoffnungen vor 1989 zu rechtfertigen. Zum anderen, weil sie ab 1990 die Erfahrung gemacht haben, dass Ostler zu sein Zweitklassigkeit bedeutet. Wozu bereden, was nicht gewertschätzt wird? Und warum an alte Wunden rühren? Im alljährlich von der Bundesregierung herausgegebenen Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit haben 2019 die Hälfte der befragten Ostdeutschen angegeben, sich als Deutsche zweiter Klasse zu fühlen. Das mag teilweise stimmen. Denn außer bei den sanierten Innenstädten hinkt der Osten in fast allen Kategorien hinterher. Ob beim Mindestlohn, bei den Konzernansiedlungen, den kommunalen Steuern oder in der Bildung – die Ostler sind zuverlässig hinten. Diese Zweitklassigkeit ist auch die Folie, auf der eine rechte Partei wie die AfD ihre Wahlerfolge produziert. Denn wer sich zweitklassig fühlt, muss nur noch bei seinen Minderwertigkeitsgefühlen abgeholt werden. Michel und Grimm wollen es nicht dabei belassen. Für „Die anderen Leben“ gehen sie ans Eingemachte. Ob Anja und ihre Mutter Ingrid aus Dresden, ob die beiden Prignitzer Gerd und Michael oder die kurz vor dem Mauerfall geborene Sandra und ihre Mutter Annegret – das Miteinanderreden müssen alle erst probieren, damit es besser werden kann. Umso erstaunlicher, was Eltern und ihre Kinder einander zum ersten Mal erzählen. Mehrfach fällt der Satz: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Es geht um die genossenschaftlich organisierte Arbeit in der Landwirtschaft, um Frauen, die ihre Kinder sehr selbstverständlich allein großgezogen haben, um robuste Familienkonstrukte. Es geht um Misstrauen und Vertrauen in der Familie, aber auch um die kleine Freiheit ganz innen. Um berufliche und familiäre Brüche, sowohl vor als auch nach dem Mauerfall. Sabine Michel und Dörte Grimm schreiben in ihrem Vorwort: „Wir brauchen generationenübergreifende, ehrliche Gespräche, die an die DNA Ostdeutschlands herangehen, in deren Diversität sich jede und jeder wiederfinden kann und die mit Schlagwörtern wie Stasi, Unrechtsstaat, Täter und Opfer nicht zu fassen sind.“ Beide wissen, wovon sie schreiben. Michel, Jahrgang 1971, hat 2018 mit ihrem viel beachteten Film „Montags in Dresden“ eindrucksvoll gezeigt, woher die fremdenfeindliche und hart rechte Pegida-Bewegung kommt. Was ihre Protagonisten unter anderem antreibt, ist das Ungehörtsein, das Nichterzählte also. Dörte Grimm, geboren 1978 in Brandenburg, gehört der Generation der Wendekinder an. In ihrer Kindheit hat sie erlebt, wie ihre Mutter im Textilkombinat Wittstock erst hunderte KollegInnen entlassen musste, um am Ende selbst arbeitslos zu sein. Bis 2018 war Grimm im Vorstand von „Perspektive hoch drei“, einem Verbund jüngerer Ostdeutscher, die sich mit Identitätsfragen befasst. „Die anderen Leben“ wollen die beiden Autorinnen als Ermutigung zum Reden verstanden wissen. Als Anfang von etwas.

Taz vom 21.8.2020