Programm

Oceane

  • Ein Sommerstück für Musik von Detlev Glanert
  • frei nach „Oceane von Parceval“ von Theodor Fontane
  • Libretto von Hans-Ulrich Treichel

„Nichts kommt aus dem Nichts. Da ist zuerst der Wind …“

1881 notiert Theodor Fontane in sein Tagebuch „Gearbeitet (die neue Novelle).“ So fragmentarisch dieser Eintrag sich liest, so unvollendet blieb seine Geschichte um Oceane von Parceval, der Meerfrau aus der Ostsee. Ein Strandhotel in Heringsdorf war für den Schriftsteller Inspirationsquelle und Ausgangspunkt der Handlung gewesen.
Hier sonnen sich an einem Spätsommerabend die Hotelgäste im Schein der letzten Strahlen des 19. Jahrhunderts. In die geordnete Welt aus Konvention und genussvoller Dekadenz bricht das Unerwartete ein: Eine unbekannte, offenbar reiche junge Frau, Oceane. Ihr Geld könnte das Hotel vor dem Verfall retten, den verliebten Sommerfrischler Martin vor der Einsamkeit. Doch schnell erkennt die Gesellschaft, dass Oceane anders ist, kühl, scheinbar emotionslos. Und schon schlägt die anfängliche Faszination für die Unbekannte um in Hass. 

Anlässlich des 200. Geburtstags Theodor Fontanes erweckten der Komponist Detlev Glanert und Librettist Hans-Ulrich Treichel 2019 mit ihrer Oper die fragmentarisch gebliebene Novelle zu neuem Leben. Dabei drückt Glanerts Musik aus, was Oceane nicht zu sagen vermag. Hier wird das Meer selbst mit seinem naturgewaltigen Farbspektrum zum Ereignis.

Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden und 15 Minuten, Pause nach dem ersten Akt

Trailer


Musikalische Leitung Florian Csizmadia
Inszenierung Jan-Richard Kehl
Bühne & Kostüme Andreas Wilkens
Licht Kirsten Heitmann
Video Eva Humburg
Chöre Jörg Pitschmann
Dramaturgie Katja Pfeifer
Choreografische Mitarbeit Stefano Fossat
Regieassistenz & Abendspielleitung Saskia Becker, Frida Jasper
Inspizienz Lisa Henningsohn


Oceane von Parceval Antje Bornemeier
Martin von Dircksen Sotiris Charalampous
Dr. Albert Felgentreu Maciej Kozłowski
Kristina Yuko Kakuta
Pastor Baltzer Thomas Rettensteiner
Madame Louise Kadi Jürgens
Hausdiener Georg Alexandru Constantinescu


Opernchor des Theaters Vorpommern, Philharmonisches Orchester Vorpommern

Pressestimmen

Tabuloses Body Acting und Demaskierung: Detlev Glanerts Fontane-Fantasie „Oceane“ in Stralsund

[…]Das „Sommerstück“ ging im Jugendstiltheater Stralsund mit Vitalität an die Grenzen und weitaus mehr unter die Haut als die ästhetisierende Urauff ührung an der Deutschen Oper Berlin 2019. […]
Den Henze-Schüler Detlev Glanert als Klangmagier zu titulieren, ist bei „Oceane“ nicht übertrieben. […]
Jan-Richard Kehl nahm das an lapidaren Aphorismen reiche Libretto von Hans-Ulrich Treichel häufiger beim konkreten Wort als beim spekulativen Symbol- und Metaphernwert. Seine Inszenierung erzeugte im Stralsunder Jugendstil- Theaterraum packende Spannungskontraste zur Magie aus dem Philharmonischem Orchester Vorpommern, den beiden Harfen an der Bühnenseite und mindestens einer betörenden Violine als Bühnenmusik. Der Dirigent Florian Csizmadia setzt auf Transparenz und gleichzeitige Fülle,
ermöglicht dem höchst eindrucksvollen Ensemble die hier äußerst wichtige Textverständlichkeit und auch reichliche Expansionen in Glanerts melodischen Gebilden.
Doch wer ist bei Kehl diese unbekannte Oceane, die ohne Tränen, Gebet und Liebe durchs Leben geht, sich aber nach diesen menschlichen Bedingtheiten sehnt und aus der kollektiven Erbosung in die Herbststürme über der Ostsee entschwindet? Antje Bornemeier singt die Titelpartie mit vitaler Gesundheit, klarer Kondition, voller Kraft und gestischem Selbstbewusstsein. Diese
Prachtfrau mit temporärer Verzagtheit und Borderline-Anwandlungen wird sich nur deshalb selbst zum Problem, weil sie nicht im Gleichsinn mit der elitär auftrumpfenden und dabei ziemlich bornierten Masse tickt. […]

Oceane rebelliert also gegen die im Spätbürgertum am Tiefpunkt angelangte Vereinnahmung von Frauen und nimmt sich ihren Weg. Gut herausgearbeitet: Das fasziniert ihren Liebhaber und Werber Martin, aber auch er gerät trotz Oceanes sexueller Freizügigkeit – wer denkt da nicht an die in der Berliner Villa Oppenheim gerade mit einer Ausstellung geehrte Aktivistin Helga Goetze – an
Grenzen der Etikette und des männlichen Verständnisses. Oceane bewegt sich bei Kehl zwischen Realsatire, Sexualeklat und Außenseiterinnen-Dramolett. Das Erstaunliche tritt ein: Bornemeiers Body Acting gerät über Glanerts erlesenen Orchesterschwingungen zu einer an die Nieren gehende Studie. Das Publikum applaudierte hingebungsvoll wie zu Salomes Tanz und anderen bürgerlichen Opernfantasien des frühen 20. Jahrhunderts.

- Roland Dippel, neue musikzeitung (02.03.2026)

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