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Wunschkinder

von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Termine

  • 18.10.2018 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 25.10.2018 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald
  • 03.11.2018 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen

Marc ist 19, hat vor vier Monaten Abitur gemacht und seitdem „hängt er ab“. Der Konflikt mit seinem erfolgreichen und auf die Karriere orientierten Vater ist vorprogrammiert: die Frage nach einem sinnerfüllten Leben steht im Raum. Geld kann viel ermöglichen, man muss die Optionen nur wählen. Marc probiert sich dagegen woanders aus: in der Liebe zur gleichaltrigen Selma. Selma ist in vielerlei Hinsicht anders. Sie lebt mit ihrer psychisch labilen Mutter in einer finanziell prekären Situation und investiert ihre freie Zeit in Arbeit, soziales Engagement und Weiterbildung. Die Vorstellungen vom „richtigen Leben“ eskalieren, als Marc eröffnet, dass Selma schwanger ist. Hin-und hergerissen zwischen Lebensplanung, eigenen und fremden Wertvorstellungen, falschem Mitgefühl und durch die Einflussnahme der Eltern beschleunigt, bahnt sich die Katastrophe an. „Wunschkinder“ ist eine genau beobachtete Untersuchung der Verhältnisse zwischen den Generationen, zwischen den sozialen Schichten und stellt die Frage danach, was ein „richtiges Leben“ ist.

PRESSESTIMMEN

Der ganz normale Wahnsinn: Alle drehen durch

Das Stück „Wunschkinder“ feierte Premiere im Theater Greifswald

Von Annemarie Bierstedt

Es wird nicht lange gefackelt, nach den ersten fünf Sätzen kommt man zum Thema: Vater Gerd (Jan Bernhardt) und Mutter Bettine (Heidi Züger) wollen nicht länger das Problem Sohn ertragen: Vier Monate nach dem Abitur weiß der immer noch nichts Besseres mit seinem Leben anzufangen außer Party zu machen, lange zu schlafen und den Kühlschrank leer zu fressen.

Persönliche Gespräche auf Augenhöhe Fehlanzeige. Stattdessen greift Gerd zum Smartphone.

Vater: „Hast du dich endlich um ein Praktikum gekümmert?“ Sohn: „Läuft.“ Vater: „Und was heißt das?" Sohn: „Mach ich noch.“ Vater: „Und wann?“ Sohn: „Ich sage doch, ich mache das noch.“ Ein einfacher, aber wirkungsvoller Dialog, mit dem das Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz vor allem die heutige Elterngeneration sofort auf ihrer Seite haben.

Das 2016 uraufgeführte Stück „Wunschkinder“ feierte am Samstagabend Premiere im Theater Greifswald. Als eine genaue Beobachtung der Verhältnisse zwischen den Generationen und unterschiedlichen sozialen Schichten verbirgt sich hinter der Komödie das Sozialdrama: Marc, von seinem beruflich erfolgreichen Vater als „lebensunfähig“ bezeichnet, verliebt sich in Selma, die das genaue Gegenteil von ihm selbst zu sein scheint. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen. Selma holt abends den Schulabschluss nach, hat zwei Jobs, engagiert sich für Flüchtlinge und kümmert sich außerdem um ihre labile Mutter Heidrun. Dann wird sie von Marc schwanger. Die Katastrophe naht in der psychologischen Krise jeder einzelnen Figur: Selma stößt erstmal jeden von sich, Marc explodiert und dann haut er ab, als seine Eltern sich vehement einmischen.

Der gebürtige Österreicher und freiberuflich tätige Regisseur Uwe Lohr inszenierte das Stück für das Theater Vorpommern: „Im Text stecken so viele Emotionen. Mich interessiert die Tiefe der Figuren, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und aussaugen“, verdeutlicht er. Das auszudrücken ist dem hervorragenden Ensemble gelungen. Im bildhaften Verhalten der Figuren offenbart sich die emotionale Schieflage. Großartig, wie Jan Bernhardt den nach „Problemlösungsstrategien“ suchenden Macho-Vater spielt, der die Konflikte lieber mit Geld klärt. Heidi Züger verkörpert als Marcs Mutter den Stereotyp der sich aufopfernden Hausfrau. Viel im Publikum gelacht wurde über Kathrin (Annett Kruschke), Bettines Schwester. Mit übertriebener Körpersprache räkelt sie sich, entnervt über Bettines Überfürsorglichkeit, auf dem Stuhl. Sich gekonnt in ihre Rolle einfühlend spielt Sarah Bonitz die Zerrissenheit der Selma, die doch eigentlich sehr stark ist, aber angesichts ihrer Schwangerschaft richtig in Panik gerät. Und Melina von Gagern konfrontierte den Zuschauer mit einer mitreißenden Interpretation der psychisch labilen Heidrun. Wie in Trance, mit leeren Augen spricht sie mit ihrer Wolljacke wie mit einem Baby. Die von Florian Angerer sehr einfach in Grau, nur mit einem schief stehenden Stuhl und Sofa bestückte Bühne bietet den Raum für die Familieninteraktionen.

Am Ende der zweieinhalbstündigen Aufführung gibt’s keine Lösung. Damit das Publikum aber keine offenen Fragen aushalten muss, wird am Schluss noch referiert, wie’s mit Marc und Selma weitergeht.

Trotzdem ein ausgezeichnetes Stück, das überzeugt - mit Humor, vielschichtigen Rollen und Schauspielern, die Freude bereiten.

Ostsee-Zeitung, 12.März 2018

Ach du liebe Zukunftsangst

Ein Stück gegen das Durchplanen menschlicher Lebensumstände: »Wunschkinder« am Theater Vorpommern

Von Anja Röhl

Manche Eltern haben sich ihre Kinder gewünscht, manche nicht, in der Regel heißt es, die Wunschkinder hätten es besser. Menschen mit nicht soviel Geld entscheiden sich eher für Kinder als Menschen mit mehr Geld, diese überlegen hin und her und denken an ihre Karrieren.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz zeigen in ihrem Stück »Wunschkinder«, das am Samstag in Stralsund im Theater Vorpommern Premiere hatte, wie fremdbestimmt solcherlei Zukunftsangst sein kann. Und wie wenig das mit dem Kind, so es dann doch geboren werden sollte, zu tun hat. Dabei wird Spannung und Erkenntnis erzeugt, in dem zwei Paare dialektisch einander gegenüber gestellt werden.

Die eine Seite: Ein wohlsituiertes Elternpaar, dessen Sohn Marc (Felix Meusel) gerade Abitur gemacht hat und den sozialen Status sichern, wenn nicht gar verbessern soll. Der Vater bereut im Grunde noch immer, sich für ein Kind entschieden zu haben, denn man muss ewig dafür zahlen. Er findet Marc stinkend faul, weil er weiterhin im »Hotel Mama« wohnt. Die Mutter (köstlich überfürsorglich: Heidi Züger) findet ihr Leben unbefriedigend und kümmert sich übertrieben um Marc, der darauf passiv-aggressiv reagiert. Vom Vater beschimpft, von der Mutter bedrängt, flieht er in eine Liebesbeziehung mit Selma (Sarah Bonitz). Sie ist die Tochter der psychisch kranken Betriebsköchin Heidrun (beste Darstellerin des Abends, Melina von Gagern: großartig widersprüchlich). Heidrun wirkt wie ein Kind, um das sich Selma kümmern muss. Das ist die Gegenseite.

Diese Familienentwürfe sind diametral entgegengesetzt. Die Wohlsituierten haben ihren Sohn sorgfältig geplant, gehegt, gehätschelt und gegängelt. Die Köchin wurde vergewaltigt, schwanger und hat sich im letzten Moment, kurz vor der von der Familie angeratenen Abtreibung, für die Austragung des Kindes entschieden. Da sie Vollzeit arbeitet, lässt sie der Tochter genügend Freiheit zur Selbstentfaltung. Die Wohlsituierten pflegen eine ausgebrannt-lieblose traditionelle Versorgungsbeziehung (Vollverdiener und Hausfrau). Die Köchin lebt alleinerziehend mit ihrer Tochter.

Doch die Strukturen der Mutter-Kind-Beziehungen sind ähnlich. Beide Mütter bedürfen ihrer Kinder mehr als umgekehrt – für ihre eigenen Erwachsenenbedürfnisse, auch wenn sie vorgeben, die der Kinder ganz und gar erfüllt zu haben.

Spricht das also alles gegen Kinder?

Und dann ist Selma plötzlich schwanger von Marc. Sie soll das Kind sofort abtreiben. Doch sie will selbst entscheiden. Niemand soll dies für sie tun. Starke Szenen. Sehr lebendig gespielt. Ein Stück gegen das Durchplanen menschlicher Lebensumstände. Die Tochter der Köchin hat immer, der Sohn des Karrierevaters nie Verantwortung tragen müssen, ihr wurde viel, ihm nie etwas zugetraut. Diese Überspitzung geht nur in einer Komödie. Katalysator ist Selmas Mutter, die ihre Weisheit durch Verrücktheit maskiert.

Das Theater Vorpommern kämpft seit Jahren mit der Stadt- und Landesverwaltung um seine Existenz. Hier hat es mal wieder gezeigt, was es kann.

Junge Welt, 18.4.2018