Ordnung und Widerstand - Spektakel auf allen Bühnen

18.00 Uhr
Vereinte Nationen
von Clemens J. Setz
Zwei Männer ganz nackt
Komödie von Sebastién Thiéry
Ode an die Ordnung
von Pauline Beaulieu und Sebastian Undisz
TELEVISATOR
Game on Stage
Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin

20.00 Uhr
Die Gerechten
von Albert Camus

Termine

Überwinden Sie im Frühjahr 2018 alle Widerstände! Unser Spektakel lässt Sie die Qual der Wahl erleben. Denn zeitgleich bieten wir Ihnen vier verschiedene Aktionen auf verschiedenen Bühnen unserer Häuser. Ob Sie sich für eine verrückte oder eine hintergründige Komödie, eine musikalische Verirrung in der Ordnung oder ein Spiel entscheiden, bei dem sie selbst mitspielen - immer werden Sie nach der Pause im Großen Saal zusammenfinden, um Albert Camus großartiges Schauspiel "Die Gerechten" gemeinsam zu erleben.

Mit dem Kauf einer Karte für "Die Gerechten" erhalten Sie eine Platzkarte für eine der vier 18.00 Uhr-Vorstellungen. Bitte reservieren Sie diese an der Theaterkasse. Nur begrentzte Plätze verfügbar solange der Vorrat reicht!

  • Vereinte Nationen

    von Clemens J. Setz

    Greifswald: Hinterbühne (Großes Haus)

    Stralsund: Hinterbühne (Großes Haus)

  • Zwei Männer ganz nackt

    Komödie von Sebastién Thiéry

    Greifswald: Rubenowsaal (Stadthalle)

    Stralsund: Gustav-Adolf-Saal (Jakobikirche)

  • TELEVISATOR - entfällt leider

    Game on Stage

    Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin

    Greifswald: Foyer Stadthalle

    Stralsund: Probebühne

Spiele mit dem Unbehagen der Geschichte

Das Theater Vorpommern macht Camus’ „Die Gerechten“ zum Hauptstück seines Spektakels „Ordnung und Widerstand

Von Dietrich Pätzold

"Die wahre Dichtkunst ist immer revolutionär"“, sagt der Student Janek Kaljajew, der feinsinnigere Typus eines gewaltbereiten Revolutionärs, im Stück „"Die Gerechten"“ von Albert Camus; „Unsinn“, widerspricht ihm sein Genosse, Hardliner Stepan Fjodorow, „"nur die Bombe ist revolutionär.“" Das sind nur Nuancen in einer Terrorzelle der russischen Sozialrevolutionäre, und es ist Janek, „"der Poet"“, der 1905 den Bombenanschlag auf den Großfürsten Romanow verübt.

Welchen Sinn hat Tyrannenmord? Wie gerecht sind "„Die Gerechten"“, die ihren Entschluss zum Attentat als Selbstopferung verklären? Dass das Theater Vorpommern ausgerechnet dieses papierne Thesenstück ins Zentrum seines großen Theaterspektakels „"Ordnung und Widerstand"“ rückte, mag verwundern. Man ahnt den Grund, sieht man, wie Regisseur Reinhard Göber mit fünf Schauspielern (Stefan Hufschmidt, Susanne Kreckel, Tobias Bode, Felix Meusel und Marvin Rehbock) den Text des Literaturnobelpreisträgers zerlegt und seine Stoßrichtung ändert.

Doch vorher sehen die Besucher, die bei der Premiere am Samstag in Greifswald bei weitem nicht saalfüllend erschienen waren, eines von vier parallelen Vorspielen. Als Versuchsanordnungen aus dem Absurdistan der Gegenwart stellen sie „Ordnungen“ in Frage und thematisieren Unbehagen, weniger „Widerstand“.

So klang es zunächst zaghaft, als Zuschauer am Ende des Vorspiels „Televisator“ von Maikel Drexler und Konrad Kolodziej, einer Uraufführung der Berliner Schauspielhochschule „Ernst Busch“, Einwände hatten: „Aber wir müssen doch protestieren können.“ Zuvor hatten die Besucher an Basteltischen eine „Planstadt“ Leeskow an der Elde errichtet - als ihr ganz persönliches Heim, wie die Fernseh-Ansager im Marketing-Sound säuselten. Das Projekt wurde weiterverkauft, ohne dass die Produzenten Rechte an ihrem Produkt hätten.

„Vereinte Nationen“ von Clemens J. Setz (mit Melinda Sanchez, Alexander Frank Zieglarski, Erwin Bröderbauer und Frederike Duggen) beleuchtet mediale Selbstvermarktung und beschreibt, wie „normale“

Menschen beim Sog kleiner Gewinnerwartungen sich deformieren: Hier auch das eigene Kind, dessen Entwicklung ein Paar auf Videos anfangs dokumentiert und allmählich, den Wünschen der Subskribenten folgend, in manipulierten Situationen subtil misshandelt.

„Zwei Männer ganz nackt“ von Sebastian Thiéry mit Jan Bernhardt, Ronny Winter und Maria Steurich löst mit dem Erwachen zweier nackter Rechtsanwälte in einem Bett eine Ehekrise aus. Und das Vorspiel „Ode an die Ordnung“ von Sebastian Undisz und Pauline Beaulieu spürt mit Schauspielern und einem „Chor der Angestellten der Agentur für Ordnung“ dem Klang von Ordnungen, Chaos oder Bürokratie nach.

Mit Unbehagen geht’s ins Hauptstück „Die Gerechten“. Camus hatte darin, durchaus mit Sympathie für die Revolutionäre, die sich selbst stolz Terroristen nennen, das Absurde ihres Tuns beschrieben.

Regisseur Göber verschärft diese Absurdität so sehr, dass Sympathie unmöglich wird: Wenn sie nach dem knappen Befehl „Podium!“ ihres Anführers nach vorn treten und darüber klagen, dass die Zuckerlobby uns fett und doof macht, oder dass sich sexuelle Belästigung „Scheiße“ anfühlt, oder dass „Mülltrennungsterror“, „Political Correctness“ und „Ökofaschismus“ nerven oder dass der Theaterabbau in Vorpommern um 30 Prozent schlimm ist - und wenn dann jeder Punkt dieses rechts-links-gemixten Kritikbreis im Ruf „Darum: Tod dem Präsidenten!“ gipfelt, dann kann das Ganze nur eine groteske Spaßveranstaltung sein.

Am Ende hat Göber nochmal ganz anders eingegriffen. Bei ihm ist der Terroristenführer Annenkow zugleich der hochrangige Polizeispitzel Skuratow, der Terror stürzt nicht das System, sondern hilft diesem bei der Selbstregeneration. Ein völlig anderes Stück als bei Camus, aber die besten Verschwörungstheorien schreibt eben das Leben selbst: In den russischen Attentats-Serien zwischen 1902 und 1905 wirkte genau diese Personalunion von Attentatsführer und Polizeiprovokateur.

Ostsee-Zeitung, 28.5.2018