Monodramen (4)

Dantons Tod
von Annett Kruschke nach Georg Büchner

„Am Ende kommt es drauf an, wer die Maschinengewehre hat …“
nach Texten aus MITLEID von Milo Rau

Termine

Dantons Tod

Eine der wirkmächtigsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Französischen Revolution schrieb ein 22-jähriger Student der Philosophie und Medizin in Gießen innerhalb von 5 Wochen. Als Georg Büchner Anfang des Jahres 1835 sein Drama verfasste, brauchte er Geld für seine Flucht aus Hessen – zu heikel schien ihm nach Veröffentlichung des „Hessischen Landboten“, nach Durchsuchung seines Zimmers und nach seinem Verhör der Aufenthalt im verhassten Fürstentum. Dantons Tod ist ein Drama über die Französische Revolution in den Zeiten ihrer größten Schreckensherrschaft. Robespierre und Danton kämpfen um die Deutungshoheit darüber, was die Revolution zu leisten, wem sie zu dienen habe, was sie erreichen soll. Robespierre setzt sich durch – Danton nimmt mit Gleichmut sein Todesurteil hin – er wehrt sich nicht, flieht nicht, weil er nicht mehr will – er hat die Revolution und das Leben selber satt. Die Revolution hat ihre Ideale verraten, hat sich in puren Terror verwandelt. Der Einzelne kann dem Chaos der revolutionären Entwicklung nichts entgegensetzen – Büchner spricht vom Fatalismus der Geschichte. Annett Kruschke hat das vielstimmige Drama in einen Monolog verwandelt, der den Hauptfiguren in ihren eminenten Widersprüchen und Selbstzweifeln ebenso nachspürt, wie er den Furor der Sprache Büchners in unerwarteter Kraft auf die Bühne trägt: „Die Sündflut der Revolution mag unsere Leichen absetzen, wo sie will; mit unseren fossilen Knochen wird man noch immer allen Königen die Schädel einschlagen können.“

 

„Am Ende kommt es drauf an, wer die Maschinengewehre hat …“
nach Texten aus MITLEID von Milo Rau

Die Krisen und Unglücksfälle unserer Zeit sind allgegenwärtig in unserer Facebook-Timeline, im Fernsehen und in den Zeitungen. In „Mitleid – die Geschichte des Maschinengewehrs“ begibt sich Rau in die politischen Brennpunkte der heutigen Zeit: auf die Mittelmeerroute der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und ins kongolesische Bürgerkriegsgebiet. Der halbbiografische, aus Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa gespeiste Monolog betritt dabei bewusst widersprüchliches Gelände: Wie ertragen wir das Elend der Anderen, warum schauen wir es uns an? Warum wiegt ein Toter an den Toren Europas mehr als 1000 Tote in den kongolesischen Bürgerkriegsgebieten? So ist „Mitleid – die Geschichte des Maschinengewehrs“ nicht nur ein Nachdenken über die Grenzen unseres Mitleids – sondern auch über die Grenzen des europäischen Humanismus.

PRESSESTIMMEN

 

Büchners Geschichtsbild als Monodrama: Was Annett Kruschke in ihrer Solo-Performance bot, überraschte. Motto: Daniela Katzenberger, die TV-Ikone der Banalität erklärt die französische Revolution. Da treffen Ahnungslosigkeit aus dem Horizont von Brustvergrößerung und Kunstwimpern auf Grundfragen der Revolution zwischen Freiheit und Despotie. Was als Quintessenz des großen Stücks als postdramatischer theatralischer Essay prägnant gespielt wird, wirkt aktuell und beklemmend. Aber es ist gut, wenn man das Stück kennt.

Dietrich Pätzold

Ostsee-Zeitung, Kultur

 

Monodramen (4) in Stralsund: Katzenberger trifft auf Danton

von Annemarie Bierstedt

Annett Kruschke wusste zu provozieren, wachzurütteln und die Zuschauer zu begeistern. Was am Mittwoch in der Jacobikirche Stralsund gezeigt wurde, war große Schauspielkunst. Monodramen (4) hatte Premiere mit zwei Stücken, die als grandiose politische Kunst die Ungerechtigkeiten dieser Welt thematisierten.

Den Anfang machte Kruschke, die zur erfolgreichen Anfangsära der Berliner Volksbühne gehörte und nun Mitglied am Theater Vorpommern ist, mit ihrem selbst geschriebenen, inszenierten und dargestellten Monolog nach Georg Büchners Drama „Dantons Tod“. Doch Büchners Stück von 1835, das von der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution und der Enthauptung des Revolutionsführers Danton handelt, hatte bei Kruschke nichts mehr von seiner historischen Tristesse.

Vielmehr schuf die Berlinerin einen psychologischen Appell für die Gegenwart, der vermitteln wollte: Gebrauche deinen eigenen Verstand. Sie bediente sich Büchners Werk, das die Welt in all ihrer Vielseitigkeit darstellen will, in ihrer Körperlichkeit: Kruschke stöhnte im imaginären Dialog zwischen den Revolutionsführern um Freiheit und Gleichheit „Es lebe die Revolution“. Dann säuselte sie als Daniela Katzenberger mit blonder Perücke und tief dekolletiertem Kleid von Wimpernverlängerung und Brustvergrößerung - Sinnbild für das ahnungslose Volk der Gegenwart, das nur bespaßt werden will.

Nicht weniger provozierend war das zweite Stück der gut zwei Stunden Spielzeit: „Am Ende kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat“ nach Texten aus „Mitleid“ von Milo Rau, inszeniert von Pauline Beaulieu. Ein bildgewaltiges, Körper betontes Stück, indem Frederike Duggen von der globalisierten Welt als Ort der Ungerechtigkeiten erzählt. Ihr Bericht über das Elend der Syrer auf ihrer Flucht nach Europa und den Genozid in Ruanda enthält sowohl mediale als auch autobiographische Versatzstücke. Mit schwarz beschmiertem Gesicht schleppt Duggen Holzpaletten umher und rennt auf der Bühne umher. Eine Getriebene, die von der Tatsache, dass die Menschheit um Kriege und Völkermorde weiß und trotzdem nichts ändert, fast zerrissen wird. Zwei großartige Monodramen, die es sich lohnt, anzusehen!

Ostsee-Zeitung, 27.04.2017