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MONODRAMEN (2)

Leaving Ziller Valley (DEA)
von Julia Rosa Stöckl / Reinhard Göber

Die 81 Min. des Fräulein A.
von Lothar Trolle

Termine

  • 28.03.2017 20:00 Uhr Gustav-Adolf-Saal (Jakobikirche), Stralsund Karten kaufen
  • 12.04.2017 20:00 Uhr Gustav-Adolf-Saal (Jakobikirche), Stralsund Karten kaufen

Leaving Ziller Valley (DEA)
von Julia Rosa Stöckl / Reinhard Göber

Elisabeth, eine junge Managerin aus Tirol, hat eine neue Heimat gefunden. New York, die Hauptstadt der Heimatlosen. Glitzernde Häuserfassaden als tote Wächter ihrer Träume. Elisabeth träumt ihren Lebenstraum auf der ruhelosen Suche nach Freiheit, individueller Glückserfahrung, kollektivem Rausch unter Gleichgesinnten im Schmelztiegel ethnischer Vervielfältigungen. Elisabeth verlässt alles, was zu ihr gehört und verlässt am Ende sich selbst. Sie wacht auf und sucht nach den Fäden, die sie mit ihrer alten Heimat verbinden, nach Menschen, nach ihrer Sprache, nach Landschaften, Klängen, Gerüchen, Farben.

"Leaving Ziller Valley" war bereits bei zahlreichen internationalen Festivals zu Gast, u.a. in Österreich, USA, Spanien, Estland, Argentinien, Uruguay, Chile und Indien.

 

Die 81 Min. des Fräulein A. von Lothar Trolle

Ein Umkleideraum im Supermarkt mit dem tristen Charme einer Wartehalle. In ihm findet minimal zugestandene, kontrollierbare Pausenfreiheit statt. Verkäuferinnen, auch grün-/blau-/rotgekittelte Engel, probieren verschiedene Traumtechniken als Methode vorübergehender Befreiung. Sie lassen sich als Leda vom Teichschwan verführen, fallen in Straßentratsch, versuchen vor dem Schlafzimmerspiegel ihr stummes Gegenüber zu überrumpeln. Sie träumen sich als weiblichen König Lear, vierter Stock, mit Blick aus dem Fenster und sinnen als Noah auf den Wellen der biblischen Sintflut Weltuntergangslegenden nach. Sie spielen sich in archetypische Geschichten und Figuren, mit denen sich noch Utopie projizieren lässt. Trolle schrieb einen poetisch, dichten,  irritierend komischen Text.

PRESSESTIMMEN

Schöne Wanderung durch Welten, Seelen und einen Text

Theater Vorpommern begeistert mit dem Monodramen-Doppel „Leaving Ziller Valley“ und „Die 81 Min. des Fräulein A.“

Faszinierend! Theater braucht wenig - und vermag doch zu verzaubern. Aber was heißt wenig? Es ist das, worauf es ankommt: Ein Raum, geschicktes Licht, sehr guter Text, eine Schauspielerin, die den Text nicht nur spielt, sondern auf ihm spielt wie auf einem Instrument (dabei Figuren erblühen lässt - und selbst erblüht).

So führt Schauspielerin Frederike Duggen (Regie Arnim Beutel) den Prosa-Brocken „Die 81 Min. des Fräulein Julie“ von Lothar Trolle am Theater Vorpommern auf, zerlegt mit fröhlicher Spiellust dieses Text-Konstrukt aus überlangen, verschachtelten Sätzen und Klammerausdrücken, in dem Szenenbeschreibung und Figurentext untrennbar vermischt sind. Mit schelmisch-bedeutungsvollen Seitenblicken zum Publikum wandert sie zielstrebig von einem Punkt der Bühne zum anderen, das heißt von einem Komma im Text (oder einer Klammer auf) zum nächsten (oder zur Klammer zu), wandert weiter, geht zurück, nach vorn oder hinten, um eine Figur sprechen zu lassen. Und erntet am Ende Bravos.

Doch der Reihe nach. Begonnen hat die Premiere „Monodramen (2)“ des Theaters Vorpommern am Donnerstagabend in Greifswald mit Julia Rosa Stöckl in der ebenfalls mit Bravos gefeierten deutschen Erstaufführung „Leaving Ziller Valley“, das die Schauspielerin gemeinsam mit Regisseur Reinhard Göber entwickelt hat. Mehrsprachig: deutsch, englisch, österreichisch. Auf der Suche nach Leben und Selbstverwirklichung kommt die Protagonistin aus der österreichischen Provinz nach New York. Erst tastend mit dem Rollkoffer, dann entschlossen ihre Kreise ziehend (sich im Kreis drehend), beschleunigt, fast atemlos, auf Weltstadttempo. Und sucht neue Antworten auf die Frage nach Heimat und eigener Identität. Reicht die nomadische Antwort: Heimat ist dort, wo ich bin? Bedeutet die forsche Definition „I am a Zero“ nicht Selbstaufgabe zwischen Freiheit und Einsamkeit?

Nicht grübelnd, sondern unterhaltsam spielt Julia Rosa Stöckl, schreit ihre Liebe zu New York heraus, dann Liebe (auch Abneigung) gegenüber Markennamen, die Liebe zur Kultband Nirvana. Als Sprachlehrerin nimmt sie ihr Publikum im kuriosen Österreichisch-Kurs hart ran. Und schließt etwas schwach mit der These, Heimat sei Sein mit anderen.

Für die Supermarktkassiererin aus Lothar Trolles Stück sind das Luxusprobleme. Dessen „Fräulein A.“ ist während ihres harten und unterbezahlten Achteinhalb-Stunden-Tages „dem Himmel am nächsten“ - dank sprudelnder Fantasie, in der die Weltliteratur mit Zeus und Noah, Odysseus und König Lear wildeste Purzelbäume schlägt - so dass man künftig jede Kassiererin mit gnädige Frau anreden möchte. Bravo! (Dietrich Pätzold)

Ostsee-Zeitung, 24.12.2016