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Fotos: Vincent Leifer

MONODRAMEN (1)

Der Biedermann (UA)
von Hannes Hametner

Der Hals der Giraffe
von Judith Schalansky

Termine

Der Biedermann
von Hannes Hametner

Prof. Dr. med. Hermann Voss, frisch berufener Professor für Anatomie an die „neugegründete“ Reichsuniversität Posen musste 1941 zusehen, wie die Körper der totgeschlagenen Polen im Keller seines Institutes sinnlos „verascht“ wurden. Dass in den Leichen die schönsten Skelette liegen, mit einem Verkaufswert von 40 RM, interessante Schädel für 5 RM und unzählige Organe und Gewebe zum Präparieren, davon überzeugte er umgehend seine Vorgesetzten. Schon bald stehen Voss und seine Kollegen am hauseigenen Verbrennungsofen mit gezücktem Sezierbesteck bereit, um sich ihren Teil abzuschneiden.

Ausgerüstet mit den Forschungsergebnissen, machte Voss nach dem Krieg große Karriere in der DDR. Bis zu seiner Emeritierung 1962 war er Ordinarius der Universität Jena und wurde als  „Hervorragender Wissenschaftler des Volkes“ geehrt. Danach arbeitete er am Anatomischen Institut der Universität Greifswald. Sein Anatomisches Handbuch, der sogenannte „Voss/Herrlinger“ wird bis heute zu Lehrzwecken verwendet.

Ausgehend von Texten aus seinem „Posener Tagebuch“ und originalen Archivakten aus Greifswald und Jena setzt Hannes Hametner das Porträt „eines Biedermannes“ zusammen, der für eine ganze Generation steht. Dass der Fachmann Voss mit dieser Biografie in der DDR Karriere machen konnte, zeigt erschreckende Parallelen zwischen den beiden Diktaturen.

 

„Gestern wurden zwei Wagen voller Polenasche abgefahren. – Vor meinem Arbeitszimmer blühen jetzt wunderschön die Robinien, geradeso wie in Leipzig.“

Posen, Tagebucheintrag Hermann Voss vom 19.6.1941

 

 

 

Der Hals der Giraffe
von Judith Schalansky

In der Fassung von Anita Augustin und Florian Fiedler

Inge Lohmark unterrichtet seit mehr als dreißig Jahren Biologie in einer Stadt im hinteren Vorpommern. Die Stadt schrumpft, es fehlt an Kindern, die Schule soll geschlossen werden – und Inge Lohmark unterrichtet ihre letzte neunte Klasse, bevor sie selber ausgemustert werden soll.

Bis dahin wird Inge Lohmark diesem armseligen „Nachschub fürs Rentensystem“ aber schon noch beibringen, dass im Überlebenskampf nur eine Chance hat, wer sich an die Verhältnisse anpasst. So, wie sie selbst es stets getan hat, ob zu DDR-Zeiten oder nach der Wende.

Zu ihrem biologistischen Weltbild gehören Nähe und Verständnis nicht. Und Liebe? „Ein scheinbar wasserdichtes Alibi für kranke Symbiosen.“ „Man blieb ohnehin nur deshalb zusammen, weil die Aufzucht der Jungen unendlich aufwendig war.“

Man muss diese Polenfrage ganz ohne Gefühl betrachten, rein biologisch. Wir müssen sie vernichten, denn sonst vernichten sie uns.
(Der Biedermann)

PRESSESTIMME

Zerstörende Menschen aus kaputten Verhältnissen - Theater Vorpommern eröffnet neue Reihe Monodramen: Der Hals der Giraffe nach Judith Schalansky / Der Biedermann über DDR-Wissenschaftler mit NS-Geschichte

von Dietrich Pätzold

Dass Theater sogar eine Macht ist (und äußerst vieldeutige Bezüge zum Thema Macht hat) - auch diese Bedeutung steckt im aktuellen Spielzeitmotto „Macht Theater!“ des Theaters Vorpommern. In diesem Sinne feierte das Schauspiel im Greifswalder Rubenowsaal am Donnerstag Abend Premiere mit zwei Monodramen: Die ersten beiden Schauspielersolos einer Reihe von insgesamt zehn Solostücken an fünf Doppelabenden, die nach den Premieren weiter im Spielplan sind und zum Saisonschluss nochmal als kompaktes zwölfstündiges Festival laufen.

Den Auftakt der Reihe inszenierte Regisseur Hannes Hametner mit zwei Geschichten über Leben, Anpassung, menschliche Deformation und Schuld in Diktaturen und Zeitenwenden. Zuerst spielt Chiaretta Schörnig in „Der Hals der Giraffe“ nach dem 2011 erschienenen hochgelobten Bildungsroman der gebürtigen Greifswalderin Judith Schalansky eine aus der DDR stammende, nach der deutschen Wiedervereinigung in Verbitterung und sozialdarwinistischen Denkschablonen erstarrte Biologielehrerin „in einer Kleinstadt im vorpommerschen Hinterland“. Nach der Pause die Uraufführung „Der Biedermann“ von Hametner über den Medizinprofessor Hermann Voss (1894-1987), der in der DDR in Halle, Jena und nach seiner Emeritierung 1962 in Greifswald arbeitete. Früher in Zeiten des NS-Regimes allerdings hatte er als NSDAP-Mitglied und Dekan an der „Reichsuniversität Posen“ seit 1941 eine Medizinische Fakultät aufgebaut, in der Menschenversuche und die Verbrennung der durch die SS angelieferten Leichen von Polen üblich waren.

Erschütternd sind beide Psychogramme, zumal ihre direkte Darstellung auf der Bühne Differenzierung erzwingt, um nicht bloße Monster vorzuführen. Chiaretta Schörnig zeigt ihre Biologielehrerin im Dauerfrust und Berufsüberdruss. Witzige Sentenzen über Schüler oder jüngere Kolleginnen, im Einzelfall durchaus verständlich, erweisen sich als tückisch und offenbaren im Zusammenklang ihrer komprimierten Negativität die Gefährlichkeit einer menschenverachtenden Weltsicht.

Auf einem Bücherregal stehend, liegend, turnend wie auf einem Gerüst geistiger Macht spricht diese Lehrerin Inge Lohmark Schüler an, die da als Puppen im Regal sitzen und liegen, parodiert den Direktor aus dem Westen, der durch einen Arm verkörpert wird. Aus der Biologie verallgemeinert und predigt sie das biologistische Weltbild vom Fressen und Gefressenwerden, bekanntlich ein Missverständnis Darwins; aus der Beweiskraft der exakten Wissenschaft das Bekenntnis zu Frontalunterricht und gar Diktatur. Dennoch bleibt die Rolle menschlich, gezeigt wird eine Frau, die unter sich selbst leidet und entsetzlich bestraft ist damit, so zu sein, wie sie ist: geistig verknöchert, einsam, mit tiefen Ängsten vor der eigenen dunklen Seite.

Anders bei Anatom Professor Voss, dem Regisseur Hametner im Spiel von Lutz Jesse wenig Raum lässt, menschlich zu wirken. Dieser Voss, über 80, packt gerade seine Sachen, um die DDR in Richtung Bundesrepublik zu verlassen (und am Ende die Bühne der Geschichte). Seine Tagebuchausschnitte mit schlimmen Sätzen („Wenn man doch nur die ganze polnische Gesellschaft so veraschen könnte!“) hört Voss vom Tonband, kritzelt dazu etwas auf Papier und gibt am Ende die Kritzelei als Lebensmaxime eines notorischen Untertanen zum besten (aus dem „Ich muss“ ein „Ich will“ machen). Die ganze Person in steifer Haltung, Haare streng gescheitelt, unerschütterlich würdige Haltung und ein Gläschen Rotwein zur Holocaust-Erinnerung, ein Biedermann, der in seinen Tagebuchaufzeichnungen auch die eigene Jämmerlichkeit ausgiebig mit dokumentiert hat.

Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ fällt einem da ein. Es ist ein Theater der leiseren Töne, im zweiten Stück ganz im Dienst des Dokumentarisch-Faktischen - das man wissen und also sehen sollte.

 ostsee-zeitung