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Fotos: Vincent Leifer

Ein Volksfeind

Schauspiel von Henrik Ibsen

Termine

Eine ganze Region blüht endlich wieder auf. Millionen Urlauber bescheren rasant steigende Einnahmen. Doch der Badearzt Dr. Thomas Stockmann entdeckt, dass sich große Teile der Küstenregion durch Klimawandel und Bakterieninfektionen in Todeszonen verwandeln. Er will diesen Prozess aufhalten und mit Hilfe der Presse die Öffentlichkeit informieren und über die unhaltbaren Zustände aufklären. Sein Bruder Peter, der Bürgermeister, will das verhindern und macht eine andere Rechnung auf: verliert die Region mit dem Badetourismus ihre wichtigste Einnahmequelle, gehen Arbeitsplätze verloren, werden die Steuereinnahmen versiegen und die Arbeitslosigkeit sprunghaft steigen. Und vor allem steht seine eigene politische Existenz auf dem Spiel.

Der Brüderkonflikt griechischen Ausmaßes spitzt sich zu einem politischen Endspiel zu: Macht gegen Recht, wirtschaftliche Interessen gegen wissenschaftliche Wahrheiten, die "kompakte Majorität" im Kampf gegen den aufklärenden Individualisten.

127 Jahre nach seiner spektakulären deutschen Erstaufführung in Berlin befragt "Faust"- Regisseur und Oberspielleiter Reinhard Göber den "Volksfeind“ auf seine Aktualität im 21. Jahrhundert. Was gilt Wahrheit im postfaktischen Zeitalter?

PRESSESTIMMEN

Aktueller Klassiker mit Überraschungseffekt
Ein Volksfeind von Henrik Ibsen hatte Premiere am Theater Vorpommern

von Stefanie Büssing

Stralsund.
"Good morning, good morning" dröhnt der gleichnamige 30er-Jahre-Klassiker aus den Boxen. Nichts könnte die Stimmung besser auf den Punkt bringen: Es ist ein guter Morgen, zumindest für die Bewohner einer nicht näher definierten Kleinstadt an der Ostsee, die vor allem vom Tourismus lebt. Die Prognosen für die kommende Saison sind gut, bis zu 95 Prozent Auslastung. Ausgelassen zelebrieren Badearzt Dr. Thomas Stockmann (Alexander Zieglarski), seine Frau Katrin (Susanne Kreckel), der Redakteur der hiesigen Zeitung, Hovstadt (Julius Weigel) und sein Mitarbeiter Billing (Ronny Winter) das Leben. Alles scheint in Ordnung zu sein, wäre da nicht ein klitzekleines Problem. Am Sonnabend hatte das Stück "Ein Volksfeind" des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen am Theater Vorpommern in Stralsund Premiere. Spannend, dramatisch und humorvoll umgesetzt von Reinhard Göber, seit Sommer Schauspielchef am Theater Vorpommern. Besonders im letzten Teil schafft es Göber, der sich nach "Hedda Gabler" das zweite Ibsen-Stück am Theater Vorpommern vornahm, zu überraschen.


Es ist ein Spagat über 127 Jahre, den Göber versucht - von der Uraufführung in Oslo bis zu seiner eigenen Inszenierung. Und er gelingt, aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil Göber es schafft, seine Figuren als vielschichtige, komplexe Charaktere zu entwickeln, die sich nicht schablonenartig in ein simples Gut-Böse-Schema pressen lassen. Zum anderen, weil er das Thema vor die Haustür holt. Der norwegische Kurort von Ibsen wird an die Ostsee verlegt. Kurz vor der Saison macht Dr. Thomas Stockmann eine schreckliche Entdeckung: Die Ostsee ist mit Vibrionen verseucht: Über Hautverletzungen können die Bakterien in den Körper eindringen und Krankheiten und sogar Tod zur Folge haben. Brisant: Göber bezieht sich dabei auf Fakten, die in dem Stück jedoch ins Dramatische gesteigert werden. Dennoch, ein ungutes Gefühl bleibt. Stockmann, der es als Pflicht gegenüber der Gesellschaft ansieht, den Skandal öffentlich zu machen, gerät in Konflikt mit seinem Bruder, dem Bürgermeister (Markus Voigt), dem die Interessen der Stadt wichtiger sind als die mögliche Gefahr. Wird der Skandal öffentlich, bleibt der Tourismus aus, der Ort verliert Einnahmen und muss sich um die teure Beseitigung der Bakterien kümmern.


Zunächst hat Dr. Stockmann die kompakte Majoriät hinter sich - Hausbesitzerverein, Presse und Ehefrau wollen ihn unterstützen. Doch bald weicht das Gemeinwohl den eigenen Interessen. Der Redakteur des Volksboten, der zuvor die große Story witterte, muss um seinen Job bangen, sein Mitarbeiter um einen möglichen Beamtenposten und Aslaksen vom Hausbesitzerverein zieht es vor, "gemäßigt" zu reagieren, um nicht das zu gefährden, was er erreicht hat. Und so wird die geplante "Reinigung des Gemeinwesens", die dem in einer freiheitlichen Gesellschaft geltenden Recht zur Durchsetzung verhelfen sollte, schnell im Keim erstickt. "Was nützt dir das Recht, wenn du nicht die Macht hast?" erkennt Stockmanns Ehefrau Susanne. So wird der Volksfreund schnell als Volksfeind diffamiert und steht plötzlich allein da.


Die Gleichung ist einfach: Wahr ist das, was nützt. Und das ist in Zeiten von Trump und Brexit brisanter denn je. Um die Fragwürdigkeit von Majoriäten aufzuzeigen, wagt Göber den praktischen Versuch: Mit der Kamera von Redakteur Hovstadt hält er dem Publikum den Spiegel vor, lässt die Besucher zu Entscheidern und damit selbst zum Teil des Stückes werden. Ein spannendes Experiment, das zum Nachdenken anregt und die Demokratie interaktiv auf den Prüfstein stellt. So wie es Ibsen bereits vor 127 Jahren tat. 

Ostsee-Zeitung, 13.03.2017

Den Lebensnerv getroffen

Theater Vorpommern: "Ein Volksfeind"

von Gunnar Decker

Wolken ziehen vorüber. Vorerst nur auf dem Gazevorhang des Greifswalder Theaters - aber der Wind-und-Wetter-Einstieg passt zum nördlich vorpommerschen Stimmungsbild. Wolken aller Art. Wie immer in Mecklenburg-Vorpommern auch die kulturpolitischen, also finanziellen.

Am Tag nach der "Volksfeind"-Premiere müsste das Theater Vorpommern eigentlich Insolvenz anmelden, der Haustarifvertrag ist 2016 ausgelaufen, die dreimonatige Übergangsfrist mittels Provisorium ist ebenfalls verstrichen, aber man streitet weiter, nicht um die Qualität von Theater, sondern um Zuschüsse und Prozente. Das oktroyierte Gebilde eines Staatstheaters Nordost wird - wenn überhaupt jemals - nicht Anfang 2018 seinen Betrieb aufnehmen können, wann stattdessen, ist ungewiss. Man streitet, ist frustriert. Ein bürokratisches Monster, das viel teurer wird als die bisherige Form und zudem die Kommunen von ihren Theatern entfremdet, sagen die Künstler; notwendige Zentralisierung, die "zukunftsfähig" mache, beharren SPD-Landespolitiker. Ein seit vielen Jahren übliches Szenario. und dabei geht es Mecklenburg-Vorpommern so gut wie nie: 270 Millionen Euro Haushaltsüberschuss erwirtschaftete man im vergangenen Jahr. Das Theater Vorpommern steuert unter seinem neuen Oberspielleiter Reinhard Göber auf einen neuen Zuschauerrekord zu. Zählt offenbar alles nicht. Denn es scheint immer unabweislicher: Es gibt Kräfte in der Landesregierung, die alles hassen, was mit subventionierter Kunst zu tun hat.

Es ist der ewig junge Stoff zu Ibsens "Volksfeind". nicht zufällig wurde dieses Stück in den letzten drei Jahren bereits in Schwerin und Rostock inszeniert. Nun also auch in Stralsund, Greifswald und Putbus. zu besichtigen ist eine Kaste von Politikern, die offenbar von anderen Dingen angetrieben wird als der Sorge ums Allgemeinwohl. Wir sind mittendrin im "Volksfeind", im Kampf zwischen dem Badearzt Thomas Stockmann (Alexander Frank Zieglarski) und seinem Bürgermeisterbruder Peter Stockmann (Markus Voigt). Der Entfremdungsbefund ist gestellt.

Kunstgriff von Regisseur Reinhard Göber und seinem Dramaturgen Hannes Hametner: Sie verlegen das verseuchte Bad an die Ostseeküste. Vibrionen bedrohen die Gesundheit der im Ostseewasser Badenen. Das ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Ostsee ist zu großen Teilen bereits ein totes Meer, die Eutrophierung - eine Phosphatzunahme infolge von Überdünnung, was ein massenhaftes Algenwachstum auslöst - breitet sich rasant aus, ein Boden für giftige Bakterien. Es gab bereits Tote durch Vibrionen-Wundinfektionen, damit machen Seebäder nicht gern Werbung. An diese aktuelle Diskussion knüpft der Brüderstreit im "Volksfeind" an. Was kostet es, wenn man die Gefahren öffentlich macht, vom Beseitigen der Ursachen gar nicht zu reden? Wo doch gerade das Tourismusgeschäft an der Goldküste boomt!

Die Bühne von Giovanni de Paulis: anfangs ein Pool, von Liegen im Halbkreis umstellt, fröhliche Wellness-Atmosphäre. Doch im Fortgang des Geschehens verwandelt er sich in einen giftigen Pfuhl, aus dem gelber Schaum aufsteigt. Dieses politische System ist vergiftet - so die Botschaft Ibsens, so auch die Botschaft dieser Inszenierung. Hovstadt (Julius Robin Weigel), Redakteur des Volksboten, und Aslaksen (Jan Bernhardt), Vorsitzender des "Mäßigungsvereins", spielen das alte opportunistische Spiel: öffentliche Interssen enden, wo die eigenen privaten beginnen.

Stark ist die Hass-Rede von Thomas Stockmann auf ein politisches System, dem die Bevölkerung egal zu sein scheint. Wütend reagieren die örtlichen Repräsentanten auf seinen Anklageruf: "Ich denke, wir leben in einer Demokratie!" - "Daran zweifeln nur antidemokratische Populisten!", denunziert ihn sein Bruder. Selten erlebt man im Theater so eine aufgewühlte Stimmung wie hier in Greifswald, so, als wäre dies eine echte Bürgerversammlung. Da hat sich offenbar vieles aufgestaut. Aber Ibsens schrieb ja kein endimensionales Agitationsstück. Alexander frank Zieglarski gelingt es als Thomas Stockmann, die Übertritte zur Hybris, zum Wahrheitsfanatismus, der auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nimmt, kenntlich zu machen. Es bleibt in öffentlichen Dingen eben einfach schwierig.

Die Inszenierung beeindruckt (...) durch jene Wucht, wie sie ein unerträglicher Konflikt freisetzt. Da trifft das Theater den Lebensnerz.

Theater der Zeit, Mai 2017