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Die Gerechten

Schauspiel von Albert Camus
Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel

Termine

Russland zur Zarenzeit. Eine Gruppe junger Terroristen, „Menschen in der Revolte“, plant ein Attentat auf den Großfürsten Sergej Romanow – in ihren Augen ein Tyrann. „Wir töten, um eine Welt zu errichten, in der niemand mehr töten wird“, so der Revolutionär Kaljajew, als er, die Bombe in der Hand, vor dem Wagen des Großfürsten steht, in dem auch dessen Nichte und Neffe mit der Großfürstin sitzen. Kaljajew kann die Bombe nicht werfen – und sieht sich den Vorwürfen seiner Genossen ausgesetzt. Camus greift in diesem Stück einen historischen Stoff auf – das 1905 von russischen Sozialrevolutionären verübte Attentat auf den Großfürsten Sergej Alexandrowitsch Romanow, um Sinn und Konsequenzen des „gerechten Mordes“ am Verhalten einiger Revolutionäre zu untersuchen. Ist die Vernichtung von Menschenleben im revolutionären Kampf für eine gerechtere Welt zu rechtfertigen? Albert Camus, der intellektuelle Widerpart des französischen Existentialisten Jean Paul Sartre, stellt sich in seinem 1949 uraufgeführten Schauspiel dieser Frage.

PRESSESTIMME

Die Gerechten

von Anja Röhl

Das Stück »Die Gerechten« verarbeitet den typischen Konflikt der Revolutionäre, der entsteht, wenn schöne Ziele mit unschönen Methoden erreicht werden sollen. Sie wollen der Gesellschaft zu mehr Liebe und Gerechtigkeit verhelfen, haben es aber mit einem mörderischen Regime zu tun und setzen auf die gewalttätige Politik des Attentats. Dieses Dilemma versuchen sie sowohl intellektuell als auch emotional und praktisch handelnd zu bewältigen. Daran scheitern sie, denn sie müssen sich an ihre Ziele erinnern, da sie sonst keine Kraft mehr in sich finden. Aber wenn sie sich erinnern, dann werden sie traurig, weich, sanft und nachdenklich, was sie verunsichert.

Zunächst einmal ist es wunderbar, in einem echten Theaterstück zu sitzen und nicht in einer Literaturadaption, die Dialoge sind einfach poetischer, schöner in Sprache und Ausdruck, da hat sich einer vielleicht doch einige Jahre Zeit genommen, bis die Dialoge standen. »Die Gerechten« hatte 1949 seine Premiere, Camus ging aus von seiner Zeit, in der es um den Widerstand gegen den Faschismus ging, ließ das Stück aber im vorrevolutionären Russland spielen. Man könnte es auch nach Chile, Kolumbien oder in die USA verlegen, es bleibt dasselbe Problem. »Wir töten, um eine Welt zu errichten, in der niemand mehr töten wird«, sagt einer der Revolutionäre, die einen Großfürsten umbringen wollen.

Die Konsequenzen sind für jede der handelnden Personen individuell anders. Am Ende entpuppt sich Boris, der Anführer der Gruppe (sehr gut und bedächtig gespielt von Stefan Hufschmidt) als Spitzel und wird von Dora (authentisch, und überzeugend: Susanne Kreckel) erschossen. Gerade sie hatte vorher die stärksten Skrupel.

Junge Welt, 15.6.2018