Text
Text
Text
Text
Text

Fotos: Vincent Leifer

Der eingebildete Kranke

Komödie von Molière
Deutsche Fassung von Simon Werle

Termine

Was den reichen Bürger Argan am Leben hält, sind seine Krankheiten. Der leidenschaftlich Leidende hält seine Umgebung mit einer Mischung aus Egomanie und Hypochondrie auf Trab. Ohne Krankheit wäre er ein gutmütiger Familienvater. So aber wird er zum Tyrannen seiner Tochter Angélique und zum Werkzeug seiner erbschleichenden zweiten Frau Béline, während die junge Hausangestellte Toinette mit ihm ihr eigenes Spiel treibt. Überdies wird er vom Doktor Purgon und dem Apotheker Fleurant übers Ohr gehauen. Arztrechnungen sind teuer! Damit Argan die hohen Rechnungen bezahlen kann, will er seine Tochter Angélique gegen ihren Willen mit dem jungen aber wenig attraktiven Arzt Thomas Diarrhoerius verheiraten. Er weiß jedoch nicht, dass sie den jungen Mann Cléante liebt und seine Ehefrau ihn mit dem Notar betrügt - und nichts sehnlicher als seinen Tod wünscht. 

In dieser turbulenten Komödien dient die Krankheit als Metapher einer dekadenten Gesellschaft, die in der Dauererschöpung angelangt ist: bloß keine Verantwortung übernehmen.

 

Das Theater Vorpommern dankt dem Produktionssponsor:

Text

Nicht nur der gute Ton macht die Musik, sondern auch das Augenmaß, indem man zum Beispiel seinen Patienten nicht das Fell abzieht.

PRESSESTIMMEN


Großes Pfui auf diese sexistische Gesellschaft!

von Annemarie Bierstedt

Markus Voigt ächzt und stöhnt, jammert und klagt. Als Argan, der leidende Kranke von Molière, kriecht er auf der Bühne umher, fingert zittrig wie der Tod mit seinen schwarz behandschuhten Händen durch die Tablettenlöcher. Nach einem "Arzt, Arzt, Arzt!" schreit er. Oh, wie er sich grämt! In seinem schwarzen, mit einem Skelett bedruckten, hautengen Ganzkörperanzug wirkt er ja so schon grotesk. Aber Voigt spielt seine Rolle genial. Zum Glück kann er mit einem der vielen neonfarbenen Klistiere, die er sich in den Enddarm einführt, wenigstens abführen. Und das macht er auf der Bühne, das es nur so qualmt. "Oh!", jammert Voigt und fasst sich an das Hinterteil. Molière hätte seine wahre Freud gehabt mit dieser selbstmitleidigen Kreatur.

Sterilität und Kontrolle
Am Theater Vorpommern wird die 1673 uraufgeführte Komödie des französischen Dramatikers Molière von Dominik Günther inszeniert. Mit zeitgenössischem Bühnenbild, Kostümen und Multimediaprojektionen sowie Übersetzung von Simon Werle aus dem Jahre 2008 holt der Regisseur das Stück direkt in die Gegenwart. Mit Markus Voigt in der Titelrolle hat er einen Nerv getroffen.
Der Angstbesessene tyrannisiert seine Umgebung: Töchterchen Angelique soll wider Willen einen Arzt heiraten; Dienerin Toinette, von Anne Greis als keckes Frauenzimmer gespielt, ihm Darmspülungen verabreichen. Mit Unmengen an Desinfektionsmittel, Schutzanzug, Mundschutz und Gummihandschuhen schafft Greis einen klinisch-sterilen Raum – ironische Übertreibung für den gesellschaftlichen Wahn des 21. Jahrhunderts nach Sterilität und Kontrolle. Eingespielte, großflächige Lichtprojektionen von Bakterien konservieren Argans Angst auf der Bühne. (...)

Eine durchaus gelungene Inszenierung, die nicht nur mit einem sympathischen Argan und extrem überspitztem Humor punktet. Mit dem getanzten Youtube-Mantra Jede Zelle meines Körpers ist glücklich des Gurus Mosaro konnten die Zuschauer vielleicht auch noch etwas für ihre ganzheitliche Bewusstseinserweiterung tun.

nachtkritik

Premiere von Molières "Der eingebildete Kranke" in Greifswald gefeiert

von Annemarie Bierstedt

... Den Angst besessenen Hypochonder, der mit seinem Krankheitswahn sein Umfeld tyrannisiert, machte Molière zum Thema seines 1673 uraufgeführten, letzten Stücks "Der eingebildete Kranke".

Regisseur Dominik Günther holt die Problematik am Theater Vorpommern in die Gegenwart. Samstag hatte es Premiere in Greifswald. "Das Stück besitzt höchste Aktualität mit unserem Gesundheitswahn", erklärt Günther. Mit der zeitgenössischen Übersetzung von Simon Werle, die "sprachlich heutig, schlank und direkt" ist, so der Regisseur, dem Bühnenbild, Kostümen und Multimediaprojektionen wie Bakterien, hatte seine Inszenierung nichts mehr aus dem 17. Jahrhundert. Auf einer drei mal 3,5 Meter großen Pillenpackung als Bühnenbild spielten zehn Schauspieler sich einen komplett überspitzten Schabernack mit dem eingebildeten Kranken. Ohne peinlich genaue Desinfektion aller Körperstellen und Gummihandschuhe durfte das Krankenzimmer nicht betreten werden.

Voigt spielte die Hauptfigur fabelhaft in seinem schwarzen engen Ganzkörperanzug mit Skelettaufdruck. Wie er dahin kroch, litt, schaurig seine schwarz behandschuhten Hände wie Klauen des Todes durch die Tablettenlöcher steckte! "Dann habe ich ja gar keine Zeit mehr für meine Krankheiten", war seine Sorge.

Manfred Ohnoutka als Arzt Diarrhoerius und Marvin Rehbock als dessen Sohn, ebenfalls Mediziner, den Argans Tochter Angelique (Susanne Kreckel) heiraten soll, spielten die mit lateinischen Fachbegriffen um sich werfende Ärzteschafft, die auch vor dem Brüste Grapschen und in den Schritt Fassen keinen Halt machte. Die gepfefferte Sexismus-Kritik entlockte den Zuschauern der ausverkauften Premiere "Oh"-Rufe und Feixen. Alle Schauspieler machten großen Spaß. Chiarette Schörnig gab mit Béline, der zweiten Frau Argans, ein erotisches Biest ab und Anne Greis weckte als freche, kluge Toinette Sympathien. Mit dem Tanz "Körperzellen-Rocks" hatten die Zuschauer nach der gelungenen, überzogenen Posse auch noch ein Gesundheitsmantra für zu Hause.

Ostsee-Zeitung