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Bartleby - Eine Geschichte von der Wall Street

Oper von Marc Wortel (Libretto) und Daniel Schellongowski (Musik) nach Herman Melville
In Kooperation mit dem Theater Handgemenge

Termine

"Ich möchte lieber nicht!"

 

„I would prefer not to!“ Mit diesen schlichten Worten bringt der unscheinbare Angestellte Bartleby seinen Arbeitgeber auf die Palme und reüssiert als eine der schillerndsten Figuren der Literaturgeschichte. Bartleby ist ein Hilfsarbeiter, der in einer New Yorker Rechtsanwaltskanzlei Kopierdienste versehen soll. Doch immer öfter verweigert er sich den Aufträgen seines Arbeitgebers, zieht sich zurück und tut – ja, was eigentlich? In den Augen seines Chefs tut er nichts. Aber so einfach hinauswerfen will man ihn auch nicht – zu sanft scheint sein Wesen, zu unbestimmt sein Zögern, zu wenig greifbar seine Verweigerung. Schließlich igelt er sich vollends ein und zieht es am Ende sogar vor, nicht mehr die Kanzlei zu verlassen ...

 

Mit „Bartleby“ hat Herman Melville, der Schöpfer von „Moby Dick“, den Grundtypus des passiven Widerstands geschaffen. Ein friedlicher Verweigerer, ein Sandkorn im reibungslosen Getriebe des neoliberalen Turbo-Kapitalismus, der Philosophen wie Giorgio Agamben, Gilles Deleuze oder Slavoj Žižek zu Deutungen herausforderte und den die Occupy Wall Street Bewegung zu ihrer Gallionsfigur erkor. In einer modernen Oper für einen Opernsänger, einen Tänzer und das Puppentheater Handgemenge präsentiert das Theater Vorpommern seine Uraufführung „Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street.“

 

Mit seiner Musik lotet Daniel Schellongowski Möglichkeiten moderner Kompositionstechnik aus, ohne vollständig tonale Bezüge auszuschließen. Dabei begibt er sich natürlich auch in Grenzbereiche der Tonalität, findet fließende Übergänge zwischen Musik und Geräusch, schafft die atmosphärische Klammer.  Dem klaren, fast minimalistischen Bühnenraum von Christian Werdin mit seinen zwei raffinierten Aufschreibsystemen steht eine farbig schillernde und changierende Musik gegenüber. Klassische Formen wie Arien und Rezitative werden in Form und Funktion bedient, fließend ineinander über, inspiriert von den verschiedensten Epochen der Musikgeschichte. Neben gewohnten instrumentalen Klängen, die vorher eingespielt wurden, werden ungewohnte computergenerierte Töne bis hin zu Geräuschen zur Schaffung einer neuen Musiksprache miteinander verwoben. Dazu singt der Bariton Thomas Rettensteiner live.

gefördert im Fonds Doppelpass

Wiederaufnahme ab 20. September 2015

Kulturstiftung des Bundes

PRESSESTIMMEN

Totalverweigerung - ein Konzept mit Folgen

Theater Vorpommern inszeniert musikalisches Kammerspiel nach Melville in Stralsund.

Es ist eine merkwürdige Story, die 'Moby-Dick'-Autor Herman Melville erzählt, und die das Theater Vorpommern als musikalisches Kammerspiel in einer Stralsunder Uraufführung präsentiert: 'Bartleby - Eine Geschichte von der Wall Street'; hintergründig, doppelbödig, moralisch, grotesk und doch nicht lustig. Der Kanzlei-Kopist Bartleby (Stefano Fossat) beantwortet als aus der realen Wirtschaftswelt gefallener passiver Totalverweigerer jede Frage mit immer nur einem Satz: 'Ich möchte nicht'. Er verärgert damit die Kollegen (Peter Müller, Stefan Wey) und provoziert seinen Chef (Thomas Rettensteiner) zu Überlegungen und Handlungen, die sich von Unverständnis, Wut und Hilflosigkeit hin zu Mitleid, Verständnis, ja, Empathie wandeln.

Der humanistisch-religiös intendierte Vergleich mit dem Verhalten des Pontius Pilatus zu Christus ist Zutat der von Marc Wortels besorgten und dramaturgisch von Sascha Löschner betreuten Inszenierung. Sie schafft es, in 90 Minuten eine so spannende wie expressive Geschichte zu erzählen: mit einem nahezu stummen, sich tänzerisch bewegenden Bartleby, dem verärgerten und mit sensationell konstruierten und funktionierenden Puppen agierenden Mit-Kopisten (Christian Werdin vom Puppentheater Handgemenge), und dem dauersingenden und -sprechenden Chef.

Die vom Berliner Daniel Schellongowski komponierte, sparsam instrumentierte Musik kommt vom Band. Live aber ist die auf Thomas Rettensteiner (Bariton) zugeschnittene Vokalpartie. Sie lebt von einem arios-deklamatorischen Gestus, der den wechselhaft konträren Befindlichkeiten des teils berichtenden, teils involvierten Protagonisten viel Raum für schauspielerisch wie musikalisch Eindrucksvolles belässt. Eine Rolle und ein Auftritt von starker Präsenz! Wie das Stück bemerkenswert eindringlich gelingt und Besucher nachdenklich entlässt.

Ostsee-Zeitung, 11. Mai 2015 von Ekkehard Ochs