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Der Komponist Benjamin Britten war zeitlebens der Auffassung, dass einem moralischen Ziel verpflichtet sein müsse. Aus diesem Geist entstand sein „War Requiem“. Anlässlich der Einweihung der neuen Kathedrale im englischen Coventry, deren Vorgängerbau im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Luftwaffe zerstört worden war, wurde das Werk 1962 ebendort uraufgeführt.

Anders als bei den meisten Requiem-Vertonungen, handelt es sich bei Brittens Werk nicht um ein allgemeines Totengedenken, sondern hier treten die zeitlosen Texte der Liturgie in direkte Auseinandersetzung mit den Antikriegsgedichten des britischen Dichters Wilfred Owen, der mit nur 25 Jahren im Jahr 1918 – kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges – den Tod in einem französischen Schützengraben fand. Es ist Owens Haltung, die Brittens Einstellung zur Kunst einerseits und zum Krieg andererseits so sehr entspricht, dass der Komponist seinem Werk folgende Erklärung des Dichters voranstellte: „Mir geht es nicht um Poesie. Mir geht es um den Krieg, das Elend des Krieges. Poesie mag in diesem Elend liegen … doch alles, was ein Dichter dieser Tage tun kann, ist warnen.“ Diese Warnung hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Und doch ist Brittens „War Requiem“ nicht nur Mahnung, sondern schlägt vielmehr eine Brücke von persönlich erlebtem Leid des Kriegsteilnehmers Owens über die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Krieges im Allgemeinen bis hin zum Friedens- und Erlösungsgedanken. Eine groß angelegte Versöhnungsgeste, die nicht im bloßen musikalischen Bekenntnis Halt macht: Es war ausdrücklich Benjamin Brittens Wunsch, für die Uraufführung drei Solisten aus den zuvor im Krieg verfeindeten Nationen zu gewinnen: die russische Sopranistin Galina Wischnewskaja, den englischen Tenor Peter Pears und den deutschen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau. Und so ist das „War-Requiem“ gleichermaßen musikalische Mahnung wie eine Geste länderübergreifender Verständigung.

Gerade vor der aktuellen weltpolitischen Lage scheint es daher erneut an der Zeit, Brittens großes Werk zu Gehör zu bringen und mit neuer Bedeutung zu füllen. Durch das Zusammenwirken zweier Orchester und vierer Chöre aus drei Ländern und einem internationalen Solistenensemble wird mit der Aufführung des „War Requiems“ ein Vorhaben realisiert, das mehr als eine Geste und weit mehr als ein Konzert ist – es ist ein Brückenschlag zwischen den Nationen.

Den Auftakt bildet das Konzert im Greifswalder Dom am 28. Oktober 2018. Ihm folgen Konzerte in Stettin, am 31. Oktober und in Klaipėda am 3. November.

Höhepunkt dieser, in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden, Konzerttournee wird die abschließende Aufführung am 15. November 2018 im Berliner Dom sein, die den Bogen zurück zu zwei historischen Ereignissen schlägt: zum Ende des Ersten Weltkrieges, das mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 besiegelt wurde, sowie zur weltweit zweiten Aufführung des War Requiems, die – kurz nach der Uraufführung in Coventry – am 18. November 1962 ebenfalls in Berlin stattfand.

 

 

Projekt der Theaterpädagogik:

Konzertklasse

Präsentation/Ausstellung: So, 28.10. / ab 17.15 Uhr / Greifswald (Dom St. Nikolai)

Kontakt Theaterpädagogik: Sabine Kuhnert

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