Text
Text
Text
Text

MACHTkörper oder die Show des Scheiterns

Ein Stadtprojekt zum Spielzeitthema von Susanne Kreckel

Termine

Hereinspaziert in den Zirkus der Obskuritäten, der Verstopfungen und Geschwulste!

Der Makel ist hier Marke. Lehnen Sie sich zurück und verachten Sie genussvoll diese alte Maschine: Körper.

Sehen sie das klägliche Kunststück, sie zu beherrschen, einzudämmen, zuzustopfen. Lasset die Spiele beginnen:

Wer verliert gegen wen in der Manege? Kopf gegen Bauch, Fledermäuserin gegen Thai Chi Panda, Aua gegen Industrie?

Ein Freak killt den nächsten. Sollen sie doch, oder? Sie sind der Schlüssel zur unserer gesunden Couchparty, zu unserem ruhigen Atem.

Elf Greifswalder Bürgerinnen und Bürger erzählen durch und über ihre Körper, was Macht macht.

Sie sind die Akrobaten des Alltags die sich mit Haut und Haar der Frage verschreiben: Will ich so bleiben wie ich darf ?


Text

PRESSESTIMMEN

Her mit den hässlichen Körpern!

Greifswald: Stadtprojekt "Machtkörper" feiert Premiere unter tosendem Applaus

von Annemarie Bierstedt

Vorhang auf, für den Zirkus der Obskuritäten! Lässig steht er (oder sie?) in einem hautengen Ganzkörperanzug da, eine weiße Afroperücke auf dem Kopf, rosafarbene Fingernägel, unschuldig schauen die Augen unter dem unechten Wimpernkranz hervor. „"Meine Herren und Därme“", begrüßte der androgyne Zirkusdirektor (Johannes Hertel) das Publikum, „"Müssen wir auf dem Weg zur Perfektion nicht einen letzten Blick riskieren?“" Hinter dem Vorhang kreischte und keuchte, säuselte und jauchzte es derweil Ohren betäubend. Hertel bewegte sich dazu Augen plinkernd im Takt.

Ja, ist denn das zu glauben? Das Stadt-Theaterprojekt „"Machtkörper"“ lieferte ein Plädoyer für körperlichen Übermut und trieb es bunt mit den sonst so peinlich vertuschten Makeln. Am Freitag feierte es Premiere im Theater Greifswald. Unter der Regie von Susanne Kreckel, die festes Ensemblemitglied am Theater Vorpommern ist, untersuchen darin elf Greifswalder Bürger und Bürgerinnen durch und über ihre Körper, was Macht ist. "Der Körper bietet uns die Möglichkeit, zu kommunizieren und das Theater ist der perfekte Raum dafür"“, verdeutlichte die Regisseurin. Das Stück fragt aus soziologischer Perspektive danach, wem der Körper gehört, wer ihn überwacht und kultiviert und inwiefern er mehr als gesellschaftliches Symbol fungiert oder auch Quelle geistiger Freude sein kann.

In knapp eineinhalb Stunden erfolgte eine sowohl auf biographischen als auch auf fiktiven Anteilen basierende Körper-Show: Da gab es die Hypochonderin (Jenni Duckwitz), die ihr Gesicht mit dem Hässlichkeitsbarometer aus der BRAVO klassifizieren ließ. Ein "„Fledermäuserin"“ (Toni Fleischer) vollführte an der Decke hängend Turnübungen und eine Krankenschwester (Wiebke Güldenpfenning) ordnete all den abnormen Gestalten anhand des ICD 10 (International Classification of Disease) Krankheiten zu. In einer Art Macarena-Tanz steppten die Freaks im Takt endokrino, prokto, uro, patho, onko singend über die Bühne. Eindrucksvoll dargestellt war das autobiographische Zwiegespräch zwischen der Super-Woman (Kathrin Lubig) und ihrem Krebsgeschwür (Laura Fouquet): Beide lieferten sich ein Wechselspiel aus Macht- und Ohnmachtsgesten, Verrenkung und Einverleibung, bei dem sogar die Brustprothese entfernt wurde. Die Kostüme und Masken von Pauline Stopp verpassten der Skurrilität das i-Tüpfelchen an Exaltiertheit: Zwischen Rosa und Pink blitzten Plüsch und Glitzer, drückten die 20-cm-Absätze des Zirkusdirektors auf den letzten Scham-Nerven des Publikums. "„Hört ihr das Trommeln der Herzmuskulatur?"“, fragte dieser die Zuschauer.

Mit Hilfe von Turnbänken und Gymnastikringen dressierte er die Körper zur Höchstleistung. Die künstlerischen "„Life Acts"“ der Darsteller hinterließen beim Zuschauer ein fasziniert-warmherziges Gefühl, das vor Authentizität nur so sprühte: Christian Blume spielte Akkordeon, Alexandra von Swiontek sang „"Dass nichts bleibt wie es war“" von Hannes Wader. Zusammen mit den rhythmischen Trommelklängen des Portugiesen Emanuel Malveiro und der Bauchrednerin Christine Winckler entstand ein kollektiver Geräusch- und Bewegungswirbel, der den Zuschauer mit der Gewissheit zurückließ: Körper machen Spaß! (...) Die Zuschauer im ausverkauften Rubenowsaal würdigten den sehr humorvollen Abend mit tosendem Applaus.


Ostsee-Zeitung, 6.6.2017

PRESSESTIMMEN