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Auf verwachsenem Pfade (Uraufführung) / Le sacre du printemps (Neufassung)

Zwei Ballette von Ralf Dörnen
Musik von Leoš Janáček und Igor Strawinsky

Termine

Mit der Neukreation „Auf verwachsenem Pfade“ zu Leoš Janáčeks gleichnamigem Klavierzyklus und Ralf Dörnens Version des „sacre du printemps“ stehen einander an diesem gemischten Abend zwei atmosphärisch völlig unterschiedliche Ballette gegenüber. Janáčeks Klavierzyklus ist Ausdruck der Trauer des Komponisten um seine verstorbene Tochter. In zarten, melancholischen Stücken formuliert Janáček Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. Ralf Dörnen nimmt das Motiv auf und entwickelt choreographische Bilder, die gelegentlich unkontrolliert und in unerwarteter Form aufbrechen. „Le sacre du printemps“ ist von einem imaginierten heidnischen Frühlingsritual inspiriert, an dessen Ende sich ein Mädchen zu Tode tanzt. Ralf Dörnen versetzt das vorgeschichtliche Ritual in ein alptraumhaftes Zukunftsszenario. Zwischen Bergen von Zivilisationsmüll irren hungrige Wesen umher, die alle menschlichen Züge verloren haben und einander belauern, um im günstigen Moment über den Schwächsten herzufallen. „Strawinskys Sacre mag 1913 das Theater in seinen Grundfesten erschüttert haben. Ausgerechnet nach Greifswald muss man fahren, um seine Nachbeben zu spüren“, schrieb der Tanzkritiker Hartmut Regitz 2008 dazu in der Wochenzeitung „Die Zeit“.


Angebote der Theaterpädagogik:

Theaterwerkstatt
zu „Le sacre du printemps“

So 8.4. / 14.00-15.30 Uhr / Greifswald

PRESSESTIMMEN

Urängste in entmenschlichter Welt

Ballettdirektor Ralf Dörnen legt nach zehn Jahren Neufassung von „Le sacre du printemps“ vor

Der Mensch ist dem Menschen Wolf“ - dieses Menschenbild propagierte der englische Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes bereits 1651 in seinem Werk „Leviathan“. Darin entwirft Hobbes einen Naturzustand, in dem die Menschheit ohne Gesetz und ohne Staat lebt. Es herrscht Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit, die Menschen führen Krieg, jeder gegen jeden. Ein ähnlich düsteres Szenario entwirft Ballettdirektor Ralf Dörnen mit seiner Choreografie zu Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“. Bereits vor zehn Jahren hatte sich Dörnen des Stoffes angenommen - am Sonnabend hatte seine Neufassung in Stralsund Premiere.

Es ist ein apokalyptisches Bild der Zukunft, das Dörnen zeichnet: die Welt als düstere Müllkippe, in der Pflanzen und Tiere längst ausgerottet sind. Zwischen Plastiksäcken, ausgedienten Elektrogeräten und einer rostigen Badewanne kriechen und winden sich die letzten menschlichen Kreaturen hervor. Fast scheint es, als würde hier Hobbes Menschenbild vertanzt - eine anarchische Welt, in der es ums nackte Überleben geht. Dörnen spielt mit menschlichen Trieben, Urinstinkten und Urängsten, die sich in zunehmender Gewaltbereitschaft manifestieren. Fast entmenschlicht wirken seine mal zombiehaft, dann wieder mit tierischem Habitus agierenden, von Dreck und Blut verklebten Tänzer, die in jenem selbstverschuldeten Endzeitszenario auf einen schrecklichen Höhepunkt zusteuern: Aus der Gruppe wird ein Opfer (Leander Veizi) auserwählt, das sich blutüberströmt im Todeskampf auf der Bühne windet und letztlich seiner eigenen Art zum Opfer fällt. Eindringlich, intensiv und brillant-schockierend ist Dörnens Interpretation einer durch den Menschen entmenschlichten Welt.

Musikalisch untermalt von Strawinskys eruptivem Werk, das - nicht zuletzt wegen seiner Dissonanzen - 1913 bei der Uraufführung für einen Skandal gesorgt hatte und beim Publikum gnadenlos durchgefallen war. Während es bei der Uraufführung um eine Jungfrau geht, die dem Frühlingsgott zur Versöhnung geopfert wird, hat Dörnen den Stoff ins Heute oder besser, ins Morgen geholt. In eine Welt, die sehenden Auges dem Abgrund entgegensteuert, wie der Ballettdirektor selbst sagt. Das Grundkonzept von vor zehn Jahren ist gleich geblieben, verrät Dörnen. Nur Kleinigkeiten hat der Choreograf verändert. Dennoch sei das Stück aktueller, ja kraftvoller denn je.

Jenem impulsiven zweiten Teil des Abends hatte der Ballettdirektor vorab mit dem Klavierzyklus „Auf verwachsenem Pfade“ von Leoš Janácek - mit dem Werk verarbeitet der Komponist den Tod seiner Tochter - eine zarte musikalische Komponente vorangestellt: In der erstmals vertanzten Version geht es um Erinnerungen, die Miguel Rodriguez (begleitet von Johann Blanchard am Klavier), auf seinem Dachboden überkommen. Verkörpert werden diese von den Tänzern des Ballett Vorpommern. Transparente Kleidung und zerfasernde Nähte symbolisieren die Schemenhaftigkeit und Fragilität der Erinnerungen, die sich zu einem Bild zusammensetzen und ebenso schnell wieder verblassen. Leise, nachdenklich und dennoch intensiv erspürt der Zuschauer alle Emotionen menschlichen Lebens und erfühlt damit nicht nur die Dörnensche Interpretation, sondern auch seine eigene Vergangenheit. (von Stefanie Büssing, Ostsee Zeitung 6.2.2018)


WELTKLASSE am Theater Vorpommern

Premiere von zwei Balletten von Ralf Dörnen am Großen Haus des Theater Vorpommern in Stralsund

Weltklasse wurde gefeiert mit der Uraufführung „Auf verwachsenem Pfade“ mit Musik von Leoš Janácek (1854-1928) und der Neufassung zu „Le sacre du printemps“ mit Musik von Igor Strawinskij (1882-1971). Was der Premierenbesucher am 3. Februar dieses Jahres am Großen Haus Stralsund erleben durfte, sprengte alle Erwartungen. Musik, Tanz und Dichtung entfachten ein Feuerwerk der Gefühle! Nicht umsonst heißt das Motto der Spielzeit 2017/18 „Ordnung und Widerstand“ und dieser Abend mit den zwei Balletten fügte sich thematisch wunderbar ein. Wie steht es im Vorwort des Theaterführers für diese Spielzeit von Dr.-Ing. Alexander Badrow (OB der Hansestadt Stralsund): „… Verliert eine Ordnung ihre Gültigkeit, entsteht zunächst Widerstand, der dann in eine neue Ordnung mündet­… An welchem Punkt einer Epoche stehen wir heute?“ Das BallettVorpommern feiert in dieser Spielzeit sein 20-jähriges Jubiläum. Seit 1997 ist Ralf Dörnen Ballettdirektor und Chefchoreograph des BallettVorpommern, für das er über 60 Ballette kreierte. 2016 wurde er mit dem Kulturpreis des Landes MV ausgezeichnet. Bereits 2008 brachte Dörnen mit dem BallettVorpommern Strawinskijs „Le sacre du printemps“ in einer von Kritik und Publikum hochgelobten Choreographie heraus. Jetzt, 10 Jahre später, widmet er sich erneut diesem einzigartigen Werk.

Mit der Neukreation „Auf verwachsenem Pfade“ zu Leoš Janáceks gleichnamigen Klavierzyklus und Ralf Dörnens Version des „Le sacre du printemps“ stehen einander an diesem gemischten Abend zwei atmosphärisch völlig unterschiedliche Ballette gegenüber. Dazu zitieren wir aus dem Programmheft: „Der Komponist Leoš Janácek begibt sich auf einen ihm vertrauten Pfad, der im Laufe der Jahre zugewachsen ist, auf einen Weg zurück in die eigene Vergangenheit. Es ist die Zeit seiner Jugend in Hukvaldy und der späteren alljährlichen Sommerfrische im heimatlichen mährischen Dorf. Ereignisse, Stimmungen, Erinnerungen tauchen auf, freudvoll glückliche, aber auch bedrückend schmerzhafte, die sich zu klingenden

Bildern verdichten: Tages- und Jahreszeiten, schwatzende Frauen am Dorfbrunnen, eine Wallfahrt zur Mutter Gottes von Frydek und

insbesondere der allmählich zur Gewissheit werdende Tod seiner Tochter Olga.“

„Le sacre du printemps“ ist von einem imaginierten heidnischen Frühlingsritual inspiriert, an dessen Ende sich ein Mädchen zu Tode tanzt. Dörnen versetzt das vorgeschichtliche Ritual in ein alptraumhaftes Zukunftsszenario. Zwischen Bergen von Zivilisationsmüll irren hungrige Wesen umher, die alle menschlichen Züge verloren haben und einander belauern, um im günstigen Moment über den Schwächsten herzufallen.“ (Auszug aus dem Theaterführer) Standing Ovations erhielten die Künstler am Ende der voll Leidenschaft getanzten und gespielten

Aufführung. Hervorzuheben aus der von Ralf Dörnen geleiteten jungen, international zusammengestellten, homogen wirkenden und ausdrucksstark tanzenden Ballett-Compagnie sind Miguel Rodriguez (erhielt seine Ausbildung am Kubanischen Nationalballett), der aus Albanien stammende Leander

Veizi und als „Die Wissenden“ im Stück „Le sacre du printemps“ die Irin Zoe Ashe-Browne mit Stefano Fossat, der seine Ausbildung in Turin begann und sie 2003 an der Scala in Mailand beendete. Mit unvergleichlicher Klasse brillierte Johann Blanchard (*1988), der seit 1992 in Deutschland lebt, am Solo-Klavier zu dem Klavierzyklus von Leoš Janácek im Stück „Auf verwachsenem Pfade“. Dieser aufregende Ballettabend war eine gelungene Meisterleistung eines Teams von Fachleuten, die mit Herz und unglaublicher Hingabe für ihre Sache brennen. (Vorpommern Magazin, März 2018, Steffi Schalli)