Text
Text
Text
Text

Anna Karenina

Ballett von Ralf Dörnen
frei nach Lew Tolstoi
Musik von Mieczysław Weinberg

Termine

  • 25.03.2016 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • 29.04.2016 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald
  • 27.05.2016 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund

 

Eine Reihe von Jungmädchen- und Kindheitserinnerungen wurden in ihrer Seele geweckt und die Finsternis, die ihr alles verdeckt hatte, riss plötzlich auf, und das Leben stand für einen Augenblick in all seinen lichten, vergangenen Freuden vor ihr. (Lew Tolstoi, Anna Karenina)

Waggon für Waggon ziehen die Erinnerungen an ihr vorüber, wie verloren geglaubte Momentaufnahmen des Lebens. Ein letzter Atemzug, ein letztes Aufbegehren. Bis Vergangenheit und Gegenwart unter den schweren, erbarmungslos über sie hinweg tobenden Rädern für immer begraben werden. Anna Kareninas verzweifelter Selbstmord auf einem Moskauer Bahnhof ist eines der großen Bilder der Literaturgeschichte, denn es spiegelt auf faszinierende Weise den Verlauf ihres Schicksals, das ebendort seinen Anfang nahm: Auf dem gleichen Bahnsteig ist die attraktive, unglücklich verheiratete Anna einige Jahre zuvor dem jungen Grafen Wronski begegnet und hat in ihm alles gefunden, was ihrer Ehe fehlte. Dort erwachte in ihr die unstillbare Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung, für die sie bereit war, alle Konventionen zu brechen und den Ausschluss aus der Gesellschaft zu riskieren. Dennoch geht sie letztlich nicht am äußeren Druck zu Grunde, sondern am inneren Konflikt mit sich selbst.

Während das Leben Annas zunehmend entgleist, tastet sich ihre Verwandte, die 18-jährige Kitty, zaghaft an die Liebe heran und erfährt in ihrer sehr viel ruhigeren Zweisamkeit mit dem Gutsbesitzer Lewin schließlich vollkommene Erfüllung – eine gegenläufige Parallelhandlung, die dem feinsinnig gezeichneten Drama der Anna Karenina erst seine eigentliche Tiefe verleiht.

Um die vielschichtigen Erzählstränge und Charaktere in einem Abend ohne Worte greifbar zu machen, vollzieht das BallettVorpommern Tolstois Meisterwerk nicht als lineare Geschichte, sondern als Rückblende in einander verwobener Handlungsfragmente nach.

 

Wiederaufnahme ab 27. Februar 2016





Produktionssponsor Stadtwerke Greifswald

PRESSESTIMMEN

Ballett "Anna Karenina": Das Unsichtbare wird sichtbar

Stralsund - Welche eine Seelenqual! Anna Karenina, gespielt von der kanadischen Tänzerin Margaret Howard, steht tief verzweifelt auf der Bühne. Das Orchester spielt dramatische, schwere Töne, wie aus dem Nichts taucht ein Zug auf. Ein letztes Aufbrausen des Ensembles - dann ist alles still. In seinem Ballett "Anna Karenina" schafft es Choreograph Ralf Dörnen, das Surreale, Unaussprechliche in Bildern auf der Bühne darzustellen. Die Premiere am Samstagabend im Theater Stralsund war schon lange ausverkauft. Ballettdirektor Dörnen inszenierte den Roman "Anna Karenina", in dem Lew Tolstoi (1828 - 1910) das Spannungsverhältnis zwischen Liebe und Leidenschaft im Korsett gesellschaftlicher Konventionen der adeligen russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts thematisierte, anhand frei assoziierter, ineinander verwobener Handlungsfragmente. Im Roman verliebt sich die unglücklich verheiratete Anna Karenina in den Lebemann Wronski, vergisst darüber fast ihre Ehe mit dem russischen Staatsmann Karenin und ihr gemeinsames Kind. Ihr Leben entgleist, Eifersucht, Isolation und Morphium treiben sie in den Wahnsinn. Sie zerbricht an der inneren Zerissenheit. Ausgehend vom Freitod im Moskauer Bahnhof entwickelt das Ballett die Handlung als Rückblende aus der Perspektive Anna Kareninas. Die Reaktion der Petersburger Gesellschaft, als sich Anna und Wronski auf einem Ball mit zärtlichen Blicken begegnen, ist unduldsam: "Skandal, Skandal", ruft die Fürstin Betsy Twerskaja. Die hellblauen, hoch verschlossenen Kleider der Damen und die gräulich-brauen Fracks der Herren symbolisieren Engstirnigkeit und morbide Fassadenbrillanz der adeligen Kreise. Wronski, getanzt von dem Engländer Nathan Cornwall, und Anna scheinen im Tanz zu verschmelzen, die Bewegung des einen ist nur vollkommen in der Regung des anderen. Wronski wirbelt seine Angebetete durch die Luft, sie lächelt glückselig. Das surreal wirkende Bühnenbild ist einfach gehalten, doch gibt es der Handlung den nötigen Spielraum. Die dramatische, teilweise eine tiefe Schwere ausstrahlende Musik des polnisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919 - 1996) unterstreicht die Tragik der Handlung. Als der Vorhand fällt, ertönt tosender Applaus von den etwa 430 Zuschauern.

 

Ostseezeitung, 2. Februar 2015 von Annemarie Bierstedt

Grandioses Ballett erzeugt Gänsehaut
Mit minutenlangem Applaus feiert das Theaterpublikum am Wochenende die Greifswalder Premiere von „Anna Karenina“

Greifswald – Tausend Seiten eines erschütternden Weltromans auf die Bühne bringen zu wollen – das bedarf neben Courage auch ein Mindestmaß an Selbstbewusstsein. Noch dazu, wenn es sich nicht umein Schauspiel, sondern ein Ballett handeln soll. Greifswalds Chefchoreograf Ralf Dörnen wagte es, inszenierte „Anna Karenina“ frei nach Lew Tolstoi für das Theater Vorpommern. Der Ballettdirektor ist schließlich immer für eine Überraschung gut. Unmögliches macht er möglich. Und so erntete er am Sonnabend mit seinem Team bei der Greifswalder Premiere unzählige Vorhänge, weil der tosende Applaus kein Ende nehmen wollte. Die tragische Geschichte um den Freitod der gutsituierten Anna Karenina (eine herausragende Margaret Howard) im Russland des 19. Jahrhunderts hat nicht nur einen Platz in den Herzen der älteren Generation. Wohltuend, wie viel junges Publikum an diesem Abend die innere Zerrissenheit der Protagonistin mitverfolgten. Das passt zur Wahl der Mittel, der sich Dörnen bedient. Ballett kann eben mehr als Spitzentanz mit Tutu. Dafür stehen die ebenfalls glänzenden Akteure Stefano Fossat als Staatsbeamter Karenin und Nathan Cornwell als Annas Geliebter, Graf Wronski. Filmsequenzen, originell in Szene gesetzt, bieten viel Abwechslung fürs Auge. Eindringliche Tonaufnahmen, wie etwa das Quietschen der Bremsen einer Lokomotive, sorgen für Gänsehaut. Auch die Bühnen- und Kostümgestaltung, die in den Händen von Klaus Hellenstein liegt, unterstreicht das Sujet. Hier fällt nichts dem Mittelmaß anheim. Und schon gar nicht die Musik: Wieder einmal gelang es Dörnen, das Philharmonische Orchester Vorpommern für das abendfüllende Programm zu gewinnen. Unter Leitung von Henning Ehlert spielte es mit gewohnter Qualität Werke des hierzulande eher unbekannten Komponisten Mieczyslaw Weinberg, die den Abend wunderbar abrundeten. Welch Glück dieser Stadt, solch ein Ballettensemble, solch ein Theater ihr eigen nennen zu können. Nur Bürgerschaftsmitglieder, die über die Zukunft des Hauses in Kürze befinden müssen, waren rar vertreten

 

Ostseezeitung, 23. Februar 2015 von Petra Hase